Bahnhof im Dezember 1914

Fast alles noch so wie früher

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Durchreisende Soldaten werden 1914 am Babenhäuser Bahnhof mit Lebensmitteln versorgt.

Babenhausen - Es gibt zwar leider keine Zeitzeugen mehr, die berichten könnten wie es am Babenhäuser Bahnhof im Dezember 1914 ausgesehen hat. Von Walter Kutscher 

Doch wie die Züge verkehrten und wie überhaupt in den ersten vier Monaten nach Beginn des Ersten Weltkriegs der Alltag rund um den Bahnhof aussah, kann anhand verschiedener Quellen und alter Unterlagen noch nachempfunden werden.

Die Gleisanlagen entsprachen noch nicht der heutigen Größe und Ausdehnung. Auch die große Unterführung war noch nicht gebaut. Erste Bauvorbereitungen dazu hatten bereits begonnen, aber die eigentlichen Arbeiten und die damit zusammenhängende Bahnhofsumgestaltung wurden durch den Kriegsbeginn unterbrochen und erst ab 1925 wieder in Angriff genommen. Die Güterabfertigung befand sich damals westlich des Bahnhofgebäudes und wurde beim großen Umbau 1927 weiter östlich in Höhe der heutigen neuen P&R-Plätze neu errichtet. Die Hauptverkehrsstraße (heute B 26) querte die Gleisanlagen zweimal: Von Dieburg kommend wurde in Höhe der heutigen „kleinen Unterführung“ die Bahn gekreuzt und verlief weiter über Wilhelm-Leuschner-Straße, Bismarckplatz und Hermann-Stotz-Straße. Danach querte sie wieder den Bahnkörper in Richtung Kaserne. Betrachtet man die Linienführung dieser Straßen heute aus der Vogelperspektive, lässt sich Verlauf der alten Chaussee noch erahnen.

Babenhausen war damals schon ein bedeutender Eisenbahnknotenpunkt und hatte auch durch den Bau der Kaserne um 1900 zusätzliche strategische militärische Bedeutung erhalten. Die Kaserne diente bis zum Ende des Weltkrieges als Unterkunft für Artillerie- und Kavallerieeinheiten sowie als Reservelazarett und es kann davon ausgegangen werden, dass Transportzüge vom Bahnhof aus starteten oder Lazarettzüge dort endeten.

Schnellzüge von Würzburg, über Dieburg nach Mainz

Fahrplanblatt Nummer 25 der Strecke Eberbach - (Babenhausen) - Frankfurt vom Mai 1911. Das Bild in Großansicht.

Ein Blick in das Kursbuch für den Sommer 1914 zeigt, dass Kriegseinwirkungen noch keinen Einfluss auf den Fahrplan hatten. In Babenhausen fuhren die Personenzüge in Richtung Darmstadt und Aschaffenburg und zwischen Hanau und Groß-Umstadt bis Wiebelsbach-Heubach. Zu dieser Zeit wurden die Züge noch alle von Dampflokomotiven gezogen. So waren die Fahrzeiten natürlich länger als heute. Beispielsweise verkehrten von Babenhausen nach Dieburg Züge mit der 2. bis 4. Wagenklasse und Zwischenhalten in Hergershausen und Altheim und benötigten dazu 20 Minuten. Übrigens wurde die 4. Wagenklasse, auch „Holzklasse“ genannt, um 1928 abgeschafft. Im Gegensatz dazu, ist man heute für die gleiche Strecke in modernen klimatisierten Wagen nur zehn Minuten unterwegs.

Auch Schnellzüge fuhren auf der Strecke. Sie führten die 1. bis 3. Klasse kamen von Würzburg und fuhren in zwölf Minuten nonstop bis Dieburg und weiter über Darmstadt und Mainz bis „Coblenz“ und zurück. Diese Schnellzugverbindungen gibt es allerdings schon lange nicht mehr, doch dauerte die Fahrt bis Mainz mit 70 Minuten genauso lange wie es heute mit allen Unterwegshalten auch der Fall ist. Die Bundesbahn führte am 3. Juni 1956 die „Zwei-Klassen Gesellschaft“ in den Zügen ein, die heute noch Gültigkeit hat.

Interessante Schreibweisen

Auch die Verbindungen von Babenhausen nach Hanau und in den Odenwald können den alten Fahrplanunterlagen entnommen werden. So verkehrten hier die Züge zwischen 5 Uhr morgens bis Mitternacht in beiden Richtungen ebenfalls mit verschiedenen Wagenklassen. Ebenfalls gab es seinerzeit bereits durchgehend verkehrende Eilzüge von Frankfurt über Seligenstadt, Babenhausen und weiter über Groß-Umstadt und Michelstadt bis Stuttgart und zurück. Der hier abgedruckte Fahrplan – das Original vom Mai 1911 befindet sich in der Sammlung des Autors – gibt einen Eindruck von den Zugverbindungen auf der Odenwaldbahn, wie sie auch noch 1914 Gültigkeit hatten. Die rot markierte Verbindung zeigt (von unten nach oben gelesen) den Fahrplan eines Schnellzuges nach Frankfurt, der von Babenhausen in 55 Minuten das Ziel erreichte. Heute benötigt eine VIAS-Bahn bei gleichvielen Haltestellen immerhin auch noch zwischen 40 und 50 Minuten.

Interessant ist auch die Schreibweise einiger Bahnhöfe: so wird der heutige Hanauer Hauptbahnhof „Hanau Ost“ genannt. Im Odenwald gab es „Höchst-Neustadt“, und Bad König hatte noch nicht den Zusatz „Bad“. Den Haltepunkt des Dorfes Richen zwischen Klein- und Groß-Umstadt gab es noch gar nicht. Auch die Darstellung der Abfahrtzeiten entsprach noch der damals üblichen Zwölfstunden-Zeitangabe. So gab es beispielsweise Züge ab Babenhausen um „427“ oder „753“ nach Seligenstadt. Die 24-Stunden-Uhrzeitangabe mit der Anzeige „16:27“ oder 19:53“ wurde im Bahnverkehr erst zum 15. Mai 1927 eingeführt.

Eisenbahn: von 1976 bis 2014

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In den letzten hundert Jahren sind viele Änderungen bei der Bahn zu verzeichnen. Aus der Königlich Preußischen Staatsbahn wurde die Deutsche Reichsbahn, danach die Deutsche Bundesbahn und heute – nach der Privatisierung 1993 – heißt die Firma schlicht Deutsche Bahn. Die Züge wurden komfortabler und schneller. Arbeiteten früher noch viele Menschen im Dienst der Bahn in und um Babenhausen, so sind heute die Mitarbeiter an einer Hand abzuzählen. Aber die Fahrpläne und Zugverbindungen von und nach Babenhausen zeigen keine gravierenden Änderungen in den letzten 100 Jahren und so kann man gespannt darauf sein, ob nach Fertigstellung der Umbauarbeiten rund um den Bahnhof zum Fahrplanwechsel Ende 2015 viele „bahnbrechende“ Neuigkeiten zu verzeichnen sind.

Quelle: op-online.de

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