Erweitertes Lkw-Durchfahrtsverbot in Darmstadt

Brummi-Karawane im Landkreis

Darmstadt-Dieburg - Ein Problem gelöst, viele geschaffen? Um die hohe Abgasbelastung in Darmstadt zu reduzieren, soll das Lkw-Durchfahrtsverbot ausgeweitet werden. Die Bürgermeister der Kommunen befürchten Dauerstau und schicken eine Stellungnahme ins hessische Umweltministerium. Von Eva-Maria Lill  

Darmstadt und das Lkw-Durchfahrtsverbot. Eine ziemlich vertrackte Geschichte. Bereits seit dem Aktionsplan 2005/2006 dürfen Laster über 3,5 Tonnen das Stadtgebiet nicht mehr in West-Ost- und Ost-West-Richtung durchqueren – und nachts gar nicht fahren. Diese Maßnahme galt bisher allerdings nur für Transitverkehr. Also nicht für Brummis, die in Darmstadt und den Landkreisen Darmstadt-Dieburg sowie Odenwald starteten oder entluden. Dies soll sich nun ändern.

Denn die Einschränkung reichte nicht, um die Stickstoffdioxid-Überbelastung in Darmstadt zu reduzieren. An elf Knotenpunkten pusteten Fahrzeuge weiterhin mehr als die gesetzlich erlaubten 40 µg/m3 in die Luft. Besonders an der Hügelstraße werden Landesspitzenwerte gemessen. 2013 entschied das Bundesverwaltungsgericht daher, dass ein verschärfter Plan auf den Tisch muss. Ein Gutachten wurde erstellt, die Ergebnisse liegen seit Oktober vergangenen Jahres vor.

Als lohnenswerte Maßnahme wird in diesem Papier die Umweltzone hervorgehoben. Es ist beschlossene Sache, das Feinstaubstinker zukünftig von Darmstadts Straßen verschwinden werden. Wann genau, steht noch nicht fest.

Die Umweltzone betrifft im Prinzip die gesamte Darmstädter Gemarkung. Nur einige wenige Ausnahmen gibt es, um die Erreichbarkeit von Nachbarkommunen nicht zu gefährden. So etwa die B3 im Norden ab der Gräfenhäuser Straße. Auch die Verbindung nach Pfungstadt bleibt für Altfahrzeuge offen, ebenso die Eberstädter Umgehung (B426). Auch im Osten gibt es einen Zonen-Einschnitt, damit veraltete Laster über die B26 das Gewerbegebiet Roßdorf-West erreichen können, ohne den Ortskern durchqueren zu müssen.

Viele Fahrzeuge erhalten keine Umweltplakette

Aber die Umweltzone allein wirkt keine Wunder. Besonders, da es sie in vielen Städten seit Jahren gibt. Bloß 2,3 Prozent (4 115 Autos von 175.834) der Privat- und 23,5 Prozent (2 183 von 9 271) der Nutzfahrzeuge, die derzeit im Landkreis zugelassen sind, können nach Auskunft des Kreises keine grüne Umweltplakette erhalten. Eine andere Idee muss her.

An dieser Stelle kommt das Lkw-Durchfahrtsverbot ins Spiel. In Zukunft dürfen nur noch Brummis durchs Stadtgebiet brausen, die in Darmstadt be- oder entladen werden. Auch Laster aus dem Kreis oder dem Odenwald müssen nun Umwege in Kauf nehmen. Ein entsprechender Antrag wurde bereits mit großer Mehrheit im Stadtparlament Darmstadt beschlossen. Gegenwind gab’s bloß von den Piraten und der FDP. Die endgültige Entscheidung über das erweiterte Verbot liegt jetzt beim Land Hessen. „Ein konkreter Termin für den Beschluss ist noch nicht bekannt. Wir gehen davon aus, dass der neue Luftreinhalteplan im Sommer dieses Jahres in Kraft treten wird“, erläutert Daniel Klose von der städtischen Pressestelle.

„Konkret sprechen wir von einem Lkw-Durchfahrtsverbot, welches die direkte Verbindung durch das Stadtgebiet Darmstadt zwischen der Achse B26 und der Babenhäuser A5/A67 verhindern soll. Umliegende Autobahnen (A5) oder Bundesstraßen (B26) sind nicht betroffen“, erklärt Klose weiter.

Die Anzahl der Lkw im Stadtgebiet würde sich vermutlich um zwei Drittel verringern, heißt es im entsprechenden Gutachten. Doch wohin mit den verbannten Brummis? „Die Ausweitung des Lkw-Durchfahrtsverbotes hätte eine Mehrbelastung der B426, L3104 und L3115 zur Folge. Für die B26, B449 und B3 Süd wird eine Entlastung prognostiziert“, sagt Klose.

Roßdorf, Ober- und Nieder-Ramstadt betroffen

Die Mehrbelastung betrifft vor allem die Kommunen Roßdorf sowie Ober- und Nieder-Ramstadt. Aber auch durch Eppertshausen und Münster rollen dann etwa 100 Laster mehr am Tag. Dieburg ist nicht betroffen, wie Bürgermeister Werner Thomas bestätigt: Es geht nur um eine geringe Zunahme des Verkehrs auf der L3094 (Minnefeld/Darmstädter Straße). Dort haben wir aber bereits ein Durchfahrtsverbot für Lkw über 7.5 Tonnen. Wir werden natürlich künftig vermehrt prüfen, ob Lkw die Strecke als ,Schleichweg’ nutzen. Ich glaube aber nicht, dass es da eine signifikante Zunahme geben wird.“

Wo manche aufatmen, empören sich andere: „Was da an Vorschlägen und Absichten aus Darmstadt auf dem Tisch liegt, ist zum Teil außerordentlich bedrohlich und berührt elementare Interessen des Kreises“, so Landrat Klaus Peter Schellhaas. „Besonders in Ost-West-Richtung, also sozusagen von Griesheim nach Roßdorf, wäre es für Autofahrer aus dem Kreis künftig fast unmöglich, Darmstadt zu durchqueren. Ein Vorschlag wäre beispielsweise ein befahrbarer Korridor durch die Stadt.“

Auch die Bürgermeister im Kreis sind wenig begeistert. Sie verfassten eine Stellungnahme zum erweiterten Lkw-Durchfahrtsverbot und schickten sie an die Stadt Darmstadt und das Umweltministerium Wiesbaden. Darin heißt es: „Grundsätzlich sind wir der Auffassung, dass eine Sperrung nur dann akzeptabel ist, wenn eine geeignete Alternative vorhanden ist. Deshalb unser Vorschlag: Wiederaufnahme der Planung zur Nord-Ost Umgehung!“ Weitere Ideen sind eine Tunnelentlüftung an der Hügelstraße sowie die bloß vorrübergehende Sperrung. Bislang gibt es auf das Schreiben noch keine Reaktion aus Darmstadt oder Wiesbaden.

Quelle: op-online.de

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