Buch über Historie von Sickenhofen und Hergershausen

Tiefes Eintauchen in Ortsgeschichte

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Der Autor mit seinem Buch zur Geschichte von Sickenhofen und Hergershausen.

Sickenhofen/Hergershausen - 340 Seiten stark ist das Werk des Sickenhöfers Tilo Fink. Es beleuchtet alle Epochen von der Vor- und Frühgeschichte bis zum Aufbruch in die Moderne nach dem Krieg. Von Stefan Scharkopf 

Mit dem Verhältnis beider Babenhäuser Stadtteile soll es ja nicht zum Besten stehen. Es gibt gewisse Spannungen, die sich immer wieder gerne entladen; meist in Fastnachtszeiten, klar, allerdings auch dann, wenn der Nachbarort etwas bekommt, was man selber gerne hätte. Es gibt gar auch die Kunde, dass rauflustige Heißsporne in früheren Zeiten aufeinander losgegangen sind. Freilich ist das gegenseitige Beharken heute vor allem aber Teil der lokalen Folklore.

Dabei haben Sickenhofen und Hergershausen doch eine gemeinsame lange Geschichte: Beide Dörfer gehörten über einen Zeitraum von 500 Jahren zum Einflussbereich des Herrschergeschlechts der Groschlage von Dieburg.

Grund genug also für den gebürtigen Sickenhöfer Tilo Fink, in seinem Buch „Eintritt in die Geschichte der Dörfer Sickenhofen und Hergershausen“ beide Nachbarorte gleichberechtigt zu berücksichtigen. „Im Prinzip lebten beide zusammen mit Eppertshausen auf einer Insel umgeben von Landesherren, die die Dörfer liebend gerne übernommen hätten“, sagt der Hobbyhistoriker. Für die Groschlage selbst war der faktische Besitz von Sickenhofen und Hergershausen äußerst lukrativ. „Nahezu 5 000 Gulden hat das Herrschergeschlecht pro Jahr an Steuern und Abgaben eingenommen. Dies entsprach etwa dem Gegenwert von zehn Höfen.“ Erst 1803 gingen Hergershausen und Sickenhofen gemeinschaftlich an Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel über, nachdem die Groschlage ausgestorben waren.

Freizeithistoriker Fink, der mit Frau und Tochter seit 1990 in Frankfurt lebt, hat ein sehr ansprechendes Werk veröffentlicht. Auf 340 Seiten stellt er die beiden Dörfer in vielen Facetten vor, versehen mit vielen Fotos und Grafiken sowie einem ausführlichen Anhang (z.B. Flurnamen, Einwohnerlisten, Häuserkataster). Margarete Bramann vom gleichnamigen Verlag hat Text und Bilder originell layoutet. Ziel des Autors ist es, „sowohl den Einwohnern unbekannte Aspekte aus der reichen Historie ihrer Orte zu präsentieren, als auch wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden.“ Fink stützt sich dabei weitgehend auf bisher unveröffentlichtes Material.

Kramen in Archiven

Sechs Jahre hat Fink an seinem Werk geschrieben, zuvor musste er Stunde um Stunde, Tage um Tage in Archive eintauchen – in Darmstadt, Marburg, Wiesbaden, in Bestände der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sowie natürlich ins Babenhäuser Stadtarchiv und das kleine Pfarrarchiv in Sickenhofen. Doch bevor der Heimatforscher fündig werden konnte, musste er letzteres erstmal ordnen. Und das Kramen in Archiven und die Lektüre ungezählter Schriften hat sich gelohnt – nicht nur für das Buch an sich. So konnte Fink beispielsweise einen Beleg dafür finden, dass Hergershausen nicht – wie bislang gedacht – 1340 zum ersten Mal erwähnt wurde, sondern bereits 1260. „Allerdings habe ich das Schriftstück zu spät für eine 750-Jahr-Feier im Jahr 2010 gefunden“, wie Fink lachend sagt. Auch die Münzen und Landkarten, die er teils über Internet-Angebote beziehen konnte, bescherten ihm das eine oder andere Aha-Erlebnis.

Ist denn jede Epoche gleich interessant? „Ja, in jeder Zeit gibt es Highlights“, sagt Fink, „da ist zum Beispiel die Tatsache, dass Hergershausen und Sickenhofen sozusagen an einer mittelalterlichen Autobahn liegen, einer Verkehrsstraße, die wesentlich ist für die Entstehung der beiden Ortschaften. Das war interessant zu erfahren.“ Auch die Vor- und Frühgeschichte rund um das Sickenhöfer Rad und den Hergershäuser Priapus – nach der griechischen Mythologie, die sich auch im römischen Reich verbreitete, ein Fruchtbarkeitsgott – war spannend zu erforschen. Nicht zu vergessen die Geschichte und die Architektur der alten Fachwerkhäuser beider Orte.

Bewegend war die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus. 1939 hatten die Nazis Karteikarten mit Bildern von Juden angelegt. Fink konnte in Heidelberg 50 Stück davon sichten und für sein Buch verwenden. So sind etwa die Mitglieder der Sickenhöfer Familien Frank und Kahn zu sehen. Das jahrelange Zusammentragen von Material aus allerlei Archiven hat dazu geführt, dass nicht nur ein mit 340 Seiten und 200 Abbildungen stattliches Buch entstanden ist, sondern auch dazu, dass der Autor noch jede Menge Unveröffentlichtes parat hat. Die Lösung: Der Hobbyhistoriker kündigt bereits ein zweites Werk an. „Ich habe im ersten Buch einen weiten historischen Bogen geschlagen“, sagt Fink. „im Folgeband könnte ich mir vorstellen, dass die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rolle spielen, auch die Schule, die Feuerwehr, Vereine oder das örtliche Gewerbe.“ Dafür können sich auch gerne Gastautoren melden. An dieser Stelle soll über den Inhalt des Folgewerks nicht allzu viel verraten werden. Nur dies noch: Es wird auch um die Auswanderer nach Amerika gehen. Und die Leser werden erfahren, dass ein Hergershäuser eine Privatbank im US-Bundesstaat Illinois gegründet hat – die gibt es noch heute.

Und was hat denn nun für den angeblichen Verdruss zwischen beiden Nachbarorten gesorgt? „Gesicherte Belege gibt es nicht. Aber ein Grund könnte sein, dass der Pfarrerssitz Sickenhofen war und heute noch ist. Die Hergershäuser hatten zweimal versucht, einen Geistlichen hierher zu holen. Beide Male ohne Erfolg.“

Tilo Fink stellt sein Buch am 26. Februar, 19.30 Uhr, beim Verein Herigar in der Alten Schule, Rodgaustraße, in Hergershausen, vor sowie am 12. März, 16 Uhr, in der Sickenhöfer Pfarrscheune. Zu beziehen ist das Buch (27 Euro) über den Handel oder direkt beim Autor: tilo.fink @web.de bzw. www.sickenhofen-hergershausen-buch.de.

Quelle: op-online.de

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