Ende des Zweiten Weltkrieges

Panzer in der Fahrstraße

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Am Palmsonntag 1945 zerstörte ein Jagdbomberangriff die Innenstadt mit dem „Schwartzen Löwen“ (rechts) und dem Rathaus in der Fahrstraße. Kurz danach rückten die Amerikaner in die Stadt ein.

Babenhausen - Ein Osterfest unter unüblichen Vorzeichen feierten die Babenhäuser vor 70 Jahren. Denn seit Palmsonntag, 25. März 1945, war der Zweite Weltkrieg in der Gersprenzstadt zu Ende. Von Petra Grimm

Von Dieburg kommend rückten die Amerikaner bei strahlendem Sonnenschein am Vormittag in die Stadt ein. Zeitzeugen, wie die ehemalige Stadtarchivarin Ria Fischer, erinnern sich an endlose Panzerkolonnen, die von der B 26 aus über die Bahnhofstraße, durch die Fahrstraße über die Lachebrücke Richtung Seligenstadt fuhren.

Vorausgegangen waren ab 9 Uhr Jagdbomberangriffe, die große Teile der Altstadt trafen und Leben nahmen. Das Rathaus war zerstört, der gegenüber liegende „Schwartze Löwe“, das älteste Gasthaus der Stadt, und viele Bürgerhäuser schwer beschädigt. Ein junges Mädchen, das während dieser Zeit Tagebuch führte – diese Unterlagen wurden Ria Fischer später zur Aufbewahrung übergeben – notierte, dass es bereits um 4 Uhr früh von der Mutter geweckt wurde. Die Kinder sollten sich schnell anziehen, denn die Amerikaner seien bereits in Dieburg. Als Bahnknotenpunkt und Garnisonsstadt war Babenhausen gegen Ende des Krieges mehrfach Ziel alliierter Luftangriffe. „Während des ganzen Februar gab es ständig Fliegeralarm. Die sind so tief geflogen, dass man die Piloten drin sitzen gesehen hat“, erinnert sich Ria Fischer, damals 19 Jahre alt und Schreibkraft bei der Stadt. Sie war zudem zuständig, den Sirenenalarm auszulösen. „Wir hatten im Dienstzimmer des Bürgermeisters im Rathaus ein spezielles Telefon, den Luftwarnapparat, durch den die Warnmeldungen aus Frankfurt eingingen.“

Als städtische Angestellte sucht sie Schutz im Rathauskeller, ein öffentlicher Luftschutzkeller ist in der Fahrstraße 26 eingerichtet. Schon bevor die US-Armee in Babenhausen einmarschiert, sind überall in der Umgebung Kampfhandlungen zu hören. „Die Geräusche kamen näher“, erinnert sich Ria Fischer. Mit den in die Stadt rollenden Panzern kommen Infantristen mit Gewehren im Anschlag, es folgen Lastwagen, Schützenpanzerwagen, Jeeps. Auf jedem Fahrzeug ein schussbereites Maschinengewehren. Per Durchsagen auf Deutsch werden die Wehrmachtssoldaten und die Bevölkerung aufgefordert, sich zu ergeben. Einige Bürger hängen weiße Fahnen raus, andere reißen sie wieder ab. Ria Fischer erinnert sich an ein „großes Durcheinander“. Strom und Wasser gibt es nicht mehr.

Auf einer großen Wiese gegenüber dem Haus, in dem früher Dr. Michel seine Praxis hatte, werden sofort die ersten Deutschen als Gefangene zusammengezogen. Die Amerikaner beschlagnahmen viele Privathäuser, aber auch das Schloss, um Wohnraum für ihre Soldaten zu schaffen. Die Babenhäuser, die in diesen Häusern wohnen, packen hastig einige Sachen und suchen Unterschlupf bei Freunden, Verwandten oder in Gebäuden, aus denen andere Menschen flüchteten. Am Freitag vor diesem Palmsonntag wendet sich der damalige Bürgermeister Fritz Klein über den Stadtrundfunkfunk an die Babenhäuser und fordert sie auf, Ruhe zu bewahren und die Stadt nicht zu verlassen. Er selbst packt im Beisein von Ria Fischer seinen Rucksack und macht sich in der Nacht auf den Weg nach Erbach zur NSDAP- Kreisleitung. „Er hatte den Befehl erhalten, sich dort einzufinden“, erinnert sie sich.

So begann der Zweite Weltkrieg

So begann der Zweite Weltkrieg

Da das Rathaus am Tag des Einmarsches zerstört wurde, „zogen wir mit ein paar Akten in das damalige Gymnasium, das auf dem heutigen Stadthallenparkplatz stand. In dieser höheren Bürgerschule war dann die Verwaltung provisorisch untergebracht“, erzählt Ria Fischer. Zwei Tage nach der Zerstörung durch die Bomben brennt das Rathaus am Marktplatz komplett aus. Die US-Armee richtet ihr Hauptquartier in der Bahnhofstraße 23, heute Platanenallee, ein. An dieser Stelle steht heute das Einkaufszentrum. Die Kaserne wird von den Amerikanern zunächst nicht bezogen, sondern von so genannten Displaced Persons bewohnt, also von den Deutschen im Krieg aus ihrer Heimat verschleppten Menschen. Noch kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen werden am 16. März etwa 400 kriegsgefangene Schwarzafrikaner in der Kaserne untergebracht, die aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager in Schlesien zu Fuß in Marsch gesetzt wurden und in einem erbärmlichen Zustand in Babenhausen ankommen, wie Ria Fischer in ihrem vom Heimat- und Geschichtsverein herausgegebenen Buch „Babenhausen als Garnisonsstadt“ schreibt.

Wie die Zwangsarbeiter wurden auch sie von den Amerikanern befreit, ihre Wachmannschaft und andere Wehrmachtsangehörige im Kasernenbereich verhaftet. Die ersten Tage und Wochen sind Augenzeugenberichten zu Folge geprägt von einer Ausgangssperre für Deutsche – kein Wasser , keine Elektrizität, unkontrollierte Zuwanderung und Abwanderung, Plünderungen. Kein Einzelschicksal der Babenhäuser. Nach sechs Jahren Krieg mit rund 55 Millionen Toten weltweit herrscht in ganz Deutschland Chaos, das sich erst nach und nach lichtet.

Quelle: op-online.de

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