Erich Reichart unternimmt Reisen im Containerschiff

Sprengstoff am Bug

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Beladen mit allem Möglichen: Zwei Monate war Erich Reichart zuletzt auf einem Containerschiff unterwegs.

Babenhausen - Kreuzfahrten erleben derzeit einen Boom. Doch die interessieren den Harreshäuser Erich Reichart wenig. Er zieht die Reise auf dem Frachtschiff vor.

Seine jüngste Fahrt von Hamburg nach Südafrika auf der Bright Horizon unter der Flagge Monrovias dauerte mit 800 Containern zwei Monate. Die Führungscrew kam aus Polen, die Mannschaft aus Burma. Was bewegt jemanden zu einer solchen Reise, wenn er einziger Passagier an Bord ist? Unser Mitarbeiter Michael Just hat nachgehakt.

Ein Containerschiff birgt wenig Kompfort. Warum fährt man mit?

Als Pilot hab ich früher auf der Langstrecke die Containerschiffe nur von oben als kleine Punkte auf den Weltmeeren gesehen. Mir geht es darum, das Leben auf dem Schiff hautnah mitzuerleben. Die Romantik ist der Arbeits-alltag.

Sie sagen, eine solche Reise ist schon im Vorfeld spannend?

Die Besatzung ist stets die große Unbekannte. Davon hängt vieles ab, wenn man der einzige Passagier ist. Vom Kapitän bis zum letzten Matrosen versuche ich soziale Kontakt aufzubauen. Mit Englisch klappt das meist ganz gut, auch bei der Mannschaft. Bestand die früher meist aus schlechtbezahlten Philippinos, arbeiten Burmesen jetzt für noch weniger Geld.

Ihre menschlichen Erfahrungen waren reichlich?

Der polnische Kapitän hatte ein Alkoholproblem, weshalb er mich aufgrund meiner Wissbegier für einen Spitzel der Reederei hier. Der erste Offizier entschärfte aber die Situation. In ihn hatte ich auch Vertrauen, dass das Schiff sicher fährt. Unter Tränen vertraute mir der Kapitän eines Abends seine familiären Probleme an.

Zwei Monate auf einem Containerschiff, wird das nicht langweilig?

Nein. Ich habe die Möglichkeit überall hinzugehen, von der Brücke bis zum Maschinenraum. Für mich selbst habe ich navigiert oder Wetteraufzeichnungen gemacht. Auch lese ich Literatur, die zur Reise passt, wie Vasco da Gamas Seeweg nach Indien. Da das Schiff in Antwerpen, Lissabon, Walfischbay, Kapstadt oder Richards Bay anlegte, waren auch Landausflüge möglich.

Besonders die Nautik interessiert Sie?

Als Pilot hatte ich selbst einen nautischen Beruf. Auf einem Containerschiff muss der Schwerpunkt der Beladung exakt berechnet werden. Bei hohem Wellengang verträgt das Schiff so eine Schräglage von bis zu 40 Grad. Entscheidend ist aber nicht die Schräglage, sondern die Aufrichtzeit. Sie muss geringer als 15 Sekunden sein. Mit 14.000 Tonnen Wasserballast im Schiff, das in Kammern gepumpt wird, lässt sich der Schwerpunkt modifizieren.

Was hatte das Schiff geladen?

Das war gemischt. Im unteren Teil Schüttgut wie Weizen, Maische-Grundlagen zum Bierbrauen in Südafrika, gebrauchte Autos aber auch 30 Tonnen Sprengstoff für die Minen. Der Sprengstoff wurde vorne am Bug des Schiffes in luftiger Höhe gelagert. Wäre was passiert, hätte er dort den geringsten Schaden angerichtet. Auf dem Rückweg hatten wir vor allem Erze dabei.

Eine solche Reise scheint in vielerlei Hinsicht abenteuerlich...

...der Golf von Guinea ist Piratengebiet. Das birgt die Gefahr von Überfällen. Man weiß, dass die Kapitäne eine größere Menge Bargeld für alle Eventualitäten dabei haben. Auch wird ein Viertel des Mannschaftsgehalts monatlich bar ausbezahlt und es braucht Schmiergelder in den Häfen. Im Golf von Guinea gibt es zwar Überfälle, im Gegensatz zum Horn von Afrika werden die Schiffe aber nicht entführt, um Lösegelder von den Reedereien zu erpressen.

Was hat es mit der „Suez-Kabine“ auf sich?

Das ist die Gefängniszelle an Bord. Meist wird sie für blinde Passagiere gebraucht, die oft Drogenkuriere sind. Wir hatten zwei blinde Passagiere, die heimlich in Südafrika an Bord gingen. Sie wollten nach Tansania, obwohl unser Schiff nur bis kurz vor Mosambik fuhr. Meist haben blinde Passagiere keine Papiere, weshalb die Kapitäne den Papierkram bei deren Übergabe an die Behörden fürchten.

Der Heiligabend in Durban gehörte ebenfalls zur Reise. Wie lief der ab?

Der fand an Bord statt. Um 18 Uhr haben wir uns in der Offiziersmesse versammelt und bis spät Weihnachten gefeiert. Es gab einen Christbaum, wenn auch nur aus Plastik. Der Kapitän sowie die technischen und nautischen Offiziere waren aus Polen und damit sehr katholisch. Es wurden Plätzchen gebacken, dazu gab es sogar Obladen als eine Art Kommunion.

Auf sieben Containerschifffahrten haben Sie viel erlebt. Und trotzdem soll die jüngste Fahrt die letzte gewesen sein.

Ich bin jetzt 77 Jahre. Da könnte es ein Risiko sein, dass es auf solchen Schiffen nur einen Verbandskoffer gibt. Ein Arzt ist erst ab zwölf Passagieren vorgeschrieben. Da denkt man schon mal an den Fall der Fälle. Und auf hoher See ist der nächste Hafen weit.

Quelle: op-online.de

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