Metallplatte vor dem Haus in der Amtsgasse

Erinnerung an Synagoge wach halten

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Das Haus in der Amtsgasse 16 (rechtes Gebäude): Einst befand sich dort die jüdische Synagoge sowie ein Schulbereich. An beides soll jetzt mit einer Bodenplatte erinnert werden.

Babenhausen - In Babenhausen gab es im vergangenen Jahrhundert eine Synagoge. Die Erinnerung daran ist bei vielen verblasst. Der Babenhäuser Rechtsanwalt Dr. Ingo Friedrich will nun ein Zeichen für Erinnerungskultur setzen und vor das damalige jüdische Gebets- und Schulhaus in der Amtsgasse 16 eine Bodenplatte platzieren. Von Michael Just

9. November 1938: In dieser Nacht werden in Deutschland tausende Synagogen, jüdische Geschäfte und Häuser verwüstet oder in Brand gesteckt. Nach den Pogromen startet die systematische Verfolgung der Juden, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündet. Auch in Babenhausen tragen sich schreckliche Szenen zu: Ein nationalsozialistischer Mob plündert Häuser und treibt jüdische Bewohner, zum Teil in ihren Nachthemden, auf die Straße, um sie dort zu verprügeln. Hinter der Brauerei pfercht man die erklärten Sündenböcke zusammen. Ihre Synagoge brennt nur deshalb nicht, weil die Nazi-Schergen ein Übergreifen der Flammen auf die Altstadt befürchten.

Der Babenhäuser Dr. Ingo Friedrich hat sich mit der Zeit von damals beschäftigt und festgestellt, dass der Gedanke an die frühere Synagoge nur noch in wenigen Köpfen steckt. „Ich wusste das selbst lange nicht und erfuhr davon erst durch Zufall bei einer Führung“, räumt der 49-Jährige ein. Heute erinnert nichts mehr an das Schul- und Gebetshaus in der Amtsgasse 16. Das will der Rechtsanwalt ändern: Geplant ist eine Bodenplatte in Form eines länglichen Metallbandes von 200 x 13 Zentimeter. Die Inschrift soll lauten: „In der Amtsgasse 16 befanden sich das Schulhaus und die Synagoge der jüdischen Gemeinde Babenhausen. Die Synagoge wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 geplündert und als Bethaus zerstört.“ Für sein Vorhaben hat Friedrich bereits Kontakt mit der Stadt und dem Heimat- und Geschichtsverein aufgenommen. Von beiden Seiten wird die Idee positiv bewertet.

Bei der Gestaltung der Platte, die gegossen wird, hilft zudem das lokale Büro für Erinnerungskultur. Eigentlich hatte der Rechtsanwalt vor Augen, dass die Enthüllungs- und Gedenkfeier bereits am 9. November stattfindet. Doch die Herstellung des Metallbandes, die Schaffung der bauphysikalischen Grundlagen, dass das Denkmal allen Verkehrserschütterungen standhält, und das Einverständnis der zuständigen Ämter für die anstehenden Bodenarbeiten nimmt mehr Zeit ein als gedacht. So verschiebt sich der Termin ins nächste Jahr. Die Kosten, die die zunächst anberaumten 2 500 Euro übersteigen, will der Ideengeber aus eigenen Mitteln und mit Spenden decken.

Von der Synagoge sind heute nahezu keine Reste und Überbleibsel mehr vorhanden. Trotzdem zieht die Initiative unerwartete Kreise: So besteht von Angehörigen damals Verfolgter, die heute in den USA leben, der Wunsch, bei der Enthüllung dabei zu sein. Aus Amerika stammen auch jene Personen, die Friedrich dazu bewegten, die Erinnerung wachzuhalten. Vor ein paar Monaten begleitete er eine Gruppe hochrangiger, muslimischer Geistlicher aus Amerika im ehemaligen KZ Dachau. Die zeigten sich geschockt über die Ausmaße des Holocaus. „Ich verbinde mit dem Besuch die Hoffnung, dass die Gruppe das Gesehene in die islamische Welt trägt und für Frieden und Versöhnung sorgt“, bilanziert Friedrich über die Begegnung.

Im Anschluss reifte bei ihm das Anliegen, ebenfalls ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. Die Amtsgasse 16, die bis dato noch über keine Tafel oder ein Hinweisschild über ihre Vergangenheit verfügt, bietet sich seinen Worten nach für einen „dynamischen Heileffekt“ an. Der ist laut Friedrich wichtig, da es wenig nütze, Vorangegangenes totzuschweigen. Schließlich lebe eine unbearbeitete und unbewältigte Vergangenheit unsichtbar weiter, auch wenn sie 100 Jahre alt ist. „Besser ist es, eine Sache positiv aufzuarbeiten, ans Licht zu bringen und dabei auf die Anklage von Personen zu verzichten“, so der Babenhäuser.

Quelle: op-online.de

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