Der närrische Lindwurm wird abgesagt, kleiner Fastnachtszug

Bizarres Ende einer kurzen Kampagne

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Wenn sich Schneewittchen und die sieben Zwerge in die Wilde 13 verwandeln, hat das mit „Protest gegen die Absage des Babenhäuser Fastnachtszugs zu tun“, wie sie sagen.

Babenhausen - Die Entscheidung fiel früh am Fastnachtsdienstag und spät für die Babenhäuser Narren: Wegen der aktuellen Wetterwarnungen sagte Zugmarschall und CVB-Pressesprecher Helmut Fendt den Fastnachtszug ab – wohl auch, wie in Dieburg, wegen versicherungsrechtlicher Probleme. Dadurch irgendwie heimatlos geworden, zogen am frühen Nachmittag Kostümierte in Feierlaune durch die Innenstadt. Von Klaus Holdefehr und Stefan Scharkopf

Am Hanauer Tor kreuzen sich die Wege, und gelegentlich ertönt zum Gruß ein lautes „Helau“. Ein Imbisswagen verbreitet laute Stimmungsmusik. Und am Straßenrand stehen drei bunte Menschen. Sie blicken erwartungsvoll Richtung (ehemalige) Brauerei, so als müsste von dort die Erlösung kommen. „Aber der Zug ist doch abgesagt“, fragt der Reporter. „Naa, der kimmt“, hält ihm eine ältere Dame entgegen, die nicht namentlich in der Zeitung erscheinen will, aber fest an ein Wunder glaubt. Oder? „Der kimmt gonz bestimmt“, insistiert sie. „Dess häwwe die Leit gesaacht. Un wou is de Schdurm? Wenn mer Schdurm hädde, deed ihr Brill jo nit mehr uffm Kopp sitze.“ Gruppen von Jugendlichen ziehen vorbei, den Schalk im Nacken, den Alk fest in der Hand. Manche wirken zielstrebig, anderen scheint noch nicht der Weg zur passenden Party gewiesen worden zu sein. Mobiltelefone sind da wichtige Utensilien.

Christian Hockemeyer gehört zum Team des Imbisswagens und sagt erst einmal „Helau!“ Dann fährt er fort: „Wir lassen hier nix ausfallen. Hier wird gefeiert. Babenhausen feiert!“ Und so hat er auch keine Angst, dass der Wagen umsonst aufgefahren worden ist. „Die kommen schon noch, die Leut", auch ohne Umzug, denn die Babenhäuser feiern gerne, egal wie das Wetter ist“, ist er sich sicher. „Ja natürlich, da simmer dabei, das is prima, hier am Hanauer Tor geht immer was, das ist der Place to be (der Ort, an dem man sein muss), wie lassen uns die Stimmung nicht versauen, auch wenn der Umzug ausfällt“, meint Jenny Unger trotzig, während sie lässig aus dem Fenster der Wirtschaft lehnt. „Wenn’s Wetter besser wird, kommt ja vielleicht noch ein Umzug, und wenn nicht, machen wir selbst Stimmung“, hat sich auch Rene Bellenberger vorgenommen, der mit Gattin und Kind Position an der Route bezogen hat.

Und dann geschieht so eine Art Wunder: Hinter der Brauerei kreuzt ein närrisches Gespann die Hauptstraße, gefolgt von einer kleinen Fußgruppe. Die Narren vom Hanauer Tor nehmen die Verfolgung auf, treffen mitten in einem Wohngebiet auf die „Wilde 13“ aus Sickenhofen. „Wir machen das aus Protest, weil der Zug abgesagt worden ist“, erklärt eine wilde Cornelia Bodensohn.

„Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagt Helmut Fendt dazu, „zusammen mit den Dieburgern haben wir beschlossen, die Umzüge abzusagen, weil uns vom Wetteramt ab 13 Uhr Windstärken von 8 bis 9 angekündigt wurden, Böen sogar mit 10. Wir hätten aus versicherungstechnischen Gründen grob fahrlässig gehandelt. Der Wind war jetzt nicht so stark, aber es hat geschüttet ohne Ende. Da wären auch nicht so viele Zuschauer gekommen.“ Ein weiterer Grund: Bereits am Montagabend hatten diverse Gruppen angekündigt, nicht komplett zu erscheinen und die Kinder zuhause zu lassen. „Da hätten wir auf viele Akteure verzichten müssen“, so Fendt. Was die Kosten anbelangt: Die Kapellen müssen wohl nicht bezahlt werden, weil die Absage noch rechtzeitig war.

Die Babenhäuser haben aus der Not eine Tugend gemacht und in der Reiterhalle spontan einen kleinen Umzug auf die Beine gestellt – inklusive Kamellenwurf durchs Prinzenpaar. Es wird auch schon über Wiedergutmachung diskutiert. Ja, man denke über einen Ersatztermin nach. "Das ist aber noch Zukunftsmusik“, sagt der Zugmarschall an seinem unfreiwillig freien Tag.

Quelle: op-online.de

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