Aufwecken aus dem Büroschlaf

Narren stürmen Rathaus und übernehmen die Macht

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„Wir haben ihn“: Das Prinzenpaar Andreas und Nadine Wenzel präsentiert den Rathausschlüssel (dahinter Bürgermeister Achim Knoke).

Babenhausen - Beim Rathaussturm brauchten die Karnevalisten diesmal Geduld, das vermeintliche Bollwerk samt Schlüssel und Schatulle für die närrischen Tage in die Hand zu bekommen. Von Michael Just 

Da ist verständlich: Der Einzug von Bürgermeister Achim Knoke in sein Amt liegt gerademal ein Jahr zurück. Da lässt man sich nur ungern von seiner Arbeit vertreiben. „Der Bürgermeister ist vielleicht gar nicht da“, orakelte am Samstagmorgen Klaus Fengel, Vorsitzender des Carnevalvereins Babenhausen (CVB), mit Blick auf die ausbleibenden Reaktionen im Inneren. „Eventuell macht auch sein Vertreter Kurt Lambert auf. Oder die Fastnacht wurde dieses Jahr aus Sparzwängen ganz abgeschafft“, schickte Fengel sarkastisch hinterher und bediente sich dabei jenem Spott, der in den kommenden Tagen und Wochen wieder sinnbildlich für die Kritik des Volkes an der Obrigkeit wird.

Dann zeigten das Knallen von Feuerwerkskörpern und die Holzgewehre, die von Teilen der weiblichen Tanzgarde auf das Rathaus angelegt wurden, doch Wirkung: Im zweiten Stock öffnete Bürgermeister Achim Knoke ein Fenster und trat mit übergroßer Fliege und Blume im Knopfloch zum Vorschein, um sich nach einem kurzen Wortgefecht zu ergeben.

Mit seinem Rathaussturm leitete der CVB am Wochenende die heiße Phase der Karnevalskampagne ein. Unterstützt wurde er dabei vom Komitee sowie den Garden und Tanzgruppen des Vereins, die sich zu Beginn auf der Treppe des Rathauses präsentierten. Im närrischen Geiste verbunden fanden sich zudem Vertreter der Karnevalsvereine aus den Stadtteilen auf dem Marktplatz ein. Langstadt schaute mit zahlreichen Mitgliedern aus seinem Elferrat vorbei. Weitere Rückendeckung gab es von der Babenhäuser Bevölkerung. Sie nahm zwar sichtlich teil, das Interesse hätte aber durchaus größer ausfallen dürfen. Der Feierlaune tat dies aber keinen Abbruch: Die Große Garde, von Hofmarschall Roland Keil als „die schärfste aller Waffen“ bezeichnet, wirbelte mit einem flotten Tanz vor dem Rathaus. Dazu wurde zu Stimmungsliedern aus dem Kölner Karneval geschunkelt. Für sie war DJ Jochen Rheinheimer verantwortlich.

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Die Begrüßungsansprache formulierten sowohl das Kinderprinzenpaar Kevin I. und Suna I. (Kevin Willand/Suna Gökce) als auch die erwachsenen Regenten um Prinz Andreas I. und Nadine II. (Andreas und Nadine Wenzel). „Um die Herrschaften bei ihrem Büroschlaf nicht zu stören, werden wir ihnen heute das Fürchten lehren“, formulierte die kleine Prinzessin keck. Die große Prinzessin kündigte an, dass man den Bürgermeister befristet gefangennehmen will: Schließlich solle die Macht nun ein Zeit lang ruhen. Bei genauem Blick auf den Kalender war das eine zu verschmerzende Absicht, denn die Regentschaft der Tollitäten in der aktuellen Session ist überschaubar: Bis zum Aschermittwoch verbleiben gerademal vier Wochen, was die Kampagne zu einer der kürzesten der letzten Jahre macht.

Das mag Bürgermeister Achim Knoke dann auch bewogen haben, sich in einem ersten Schritt am Fenster zu zeigen. „Seid ihr etwa Demonstrante - ich seh gar keine Transparente“, kommentierte er den Radau vor dem Rathaus. Für diese Einschätzung gab´s gleich wieder Saures von unten: „Dass Ihr da oben nicht wirklich was merkt, das ist ja schon so wie bei Käpt‘n Kirk“. Der befinde sich von seiner Basis ebenfalls viele Lichtjahre weg. Als auch die Drohung des Bürgermeisters nicht nutzte, die Narren mit Sack und Pack zum Hanauer Buckel zu karren oder sie zum Kehren der Gassen zu verdonnern, bröckelte langsam seine Macht. Auch das glaubwürdigste Argument zog nicht: dass in der Stadtkasse Ebbe ist.

Rathaussturm in Babenhausen: Bilder

So ergab sich Knoke und ließ die Narren gewähren. „Wir haben‘s wieder mal vollbracht, die Fastnacht ist an der Macht“, reimte das Prinzenpaar zusammen und hielt symbolisch einen übergroßen Schlüssel in die Höhe. CVB-Vorsitzender Klaus Fengel empfahl dem nun arbeitslosen Bürgermeister ganz wagemutig zu Hause zu helfen: Seiner Frau habe ganz sicher Arbeit für ihn.

Auch wenn viele Traditionen sich gegenwärtig in der Krise befinden, belegte der Rathaussturm, dass die Fastnacht weiterleben muss. Denn sie besteht nicht nur aus schönen Kostümen und Ausgelassenheit: Vor allem ist damit eine Zeit verbunden, in der sich das Volk das Maul nicht verbieten lässt und Spitzen gegenüber Politikern loswerden kann, für die es sich das ganze Jahr über kräftig auf die Zunge beißen muss.

Quelle: op-online.de

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