Erster Rundgang des Jahres im FFH-Gebiet

Florale Überlebenskünstler

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Glück hatten die Teilnehmer der ersten i-Punkt-Führung 2016 bei den Przewalskis: Die Tiere hielten sich nicht weit vom Ausguck auf, was für Begeisterung sorgte.

Babenhausen - Kaninchen sind die Tiere, die auf auf dem Gelände der Przewalski-Pferde derzeit meist zuerst ins Auge springen. In den letzten Monaten scheinen sich die Löffelträger gut vermehrt zu haben. Von Michael Just 

Auch beim ersten Rundgang des Jahres, den der städtische i-Punkt im FFH-Gebiet anbot, hoppelten sie mehrfach durchs Bild. Der Wunsch, nicht Kaninchen sondern Wildpferde zu sehen, erfüllte sich wenig später für die Gruppe auf beeindruckende Weise. Der erste Rundgang des Jahres zu den Przewalski-Pferden stand unter der Überschrift „Was im Frühjahr so alles blüht“ und wurde von Werner Zitterbart geleitet. Der gelernte Forstwirt, der auf dem Bauhof tätig ist, unterstützt Pflegerin Iris Malzkorn bei der Betreuung von Walli, Wera, Wilma, Wendy und Wanda.

Wie der Titel verriet, stellte Zitterbart zu Beginn nicht die Pferde, sondern die Vegetation in den Vordergrund. Immer wieder bückte er sich, um auf Gräser und andere Gewächse zu deuten. Bei größeren Vorkommen zupfte er sie manchmal ab, um sie der Gruppe auf Augenhöhe als kleines Wunder zu präsentieren. Wunder deshalb, weil die Pflanzen auf dem Magerrasen als Überlebenskünstler gelten. Darüber hinaus verfügen sie über jede Menge weiterer interessanter Eigenschaften, wie die Schafgarbe. Im Volksmund wird sie auch „Soldatenkraut“ genannt. Der Name entstand durch ihre Fähigkeit zur schnelleren Wundheilung. Im Krieg machten Soldaten davon immer wieder Gebrauch. Der Färberwau besitzt Blüten, deren Farbstoffe Wolle, Seide oder Leinen zum Leuchten bringt. Selbst als Wandfarbe lässt sich das Gelb vortrefflich verwenden. Die Sandstrohblume galt lange Zeit als gefährdet und vom Aussterben bedroht. Schuld daran waren Marktfrauen, die sie in großer Zahl trockneten und in ihre Sträuße einbanden. Eher „tierische“ Bedeutung hat die Graukresse, die für Pferde giftig ist. Die Gefahr besteht vor allem für Hauspferde, die ihren natürlichen Instinkt verloren haben und die Pflanze unbedacht fressen. „Die Przewalskis besitzen diesen Instinkt noch und lassen sie deshalb links liegen“, wusste der Experte.

Viele Pflanzen noch nicht richtig entwickelt

Der Rundgang entpuppte sich insgesamt als ein paar Wochen zu früh, da viele Pflanzen im FFH-Gebiet sich nach dem Winter noch nicht richtig entwickelt haben. Trotzdem barg der Besuch etwas Faszinierendes, als Zitterbart scheinbar belangloses Grün mit Namen und Eigenschaften bestimmte. „Im Sommer lohnt sich das Kommen nochmal, wenn die gesamte Artenvielfalt erblüht“, sagte der Forstwirt.

Als die zwölfköpfige Gruppe das Gatter zum Aussichtshügel hinter sich zumachte, nervten die Kaninchen fast schon ein wenig. Schließlich waren die Besucher gekommen, um Vierbeiner mit Mehlmaul, Aalstrich, Stehmähne und zarten Zebrastreifen an den Beinen zu sehen. Auf der Hälfte des Hügels eröffnete sich plötzlich der Blick auf die fünf Stuten. Einen Moment lang wurden die Erklärungen von Zitterbart komplett uninteressant, als sich die Gruppe für das bestmögliche Foto am Zaun zerstreute. Nach dem ersten Staunen kam der Leiter wieder zu Wort. Er erläuterte das Przewalski-Projekt, bei dem Bundesforst, das europäische Zuchterhaltungsprogramm, die Bima und die Stadt Babenhausen zusammenarbeiten. Der Wert der Pferde ist durch den Zuchtaufwand (auch eine Blutbank gehört dazu) beachtlich: Pro Vierbeiner steht eine Summe von 40.000 bis 50.000 Euro im Raum. Zitterbart widerlegte die Mär, dass die freilebenden Mustangs in Amerika Wildpferde seien. Sie kamen mit den europäischen Aussiedlern in die Neue Welt. Während man sie reiten kann, ist das bei den Przewalskis nicht möglich. Der größte Unterschied liegt in der Abstammung: So gelten die Przewalskis als direkte Nachfahren des Tarpan und damit des eurasischen Urpferdes.

2016 stehen noch zwei weitere Führungen des i-Punkts im FFH-Gebiet an: Am 26. Juni trägt die Begehung die Überschrift „Zwei Jahre Przewalskipferde in Babenhausen“. Am 18. September heißt es „Spätsommerwanderung am FFH-Gelände“. Von den zuvor monatlichen Führungen kam die Stadt Babenhausen ab. Dafür war das Interesse nicht ausreichend. Mit der Reduzierung auf drei Angebote per anno sind die Gruppen entsprechend groß, dass sich eine Führung lohnt. Als außerordentlich interessant erweisen sich dabei nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch die Frage, woher die Besucher kommen. Beim jüngsten Termin stammte eine Frau aus Höchst im Odenwald. An der Reinheimer Naturscheune erfuhr sie von den Pferdchen auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz. Ein anderes Ehepaar machte sich von Frankfurt aus auf den Weg: Sie nutzten das Bonusprogramm des RMV, der einen Besuch bei den Przewalskis beinhaltet.

Quelle: op-online.de

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