„Wo sind die Eltern?“

Flüchtlingskinder erkunden Babenhausen

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Kinder aus Babenhausen zeigen neun Jungs aus dem Irak, Afghanistan und Pakistan bei einer Rallye ihre Stadt.

Babenhausen - „Was ist wichtig, wenn man in eine fremde Stadt kommt?“, hatten sich die Schüler der Klasse 3a der Schule im Kirchgarten mit ihrer Lehrerin Jana Otto gefragt. Anlass war eine gemeinsame Stadtrallye mit Flüchtlingskindern durch Babenhausen am Mittwochvormittag. Von Petra Grimm

Vom Rathaus durch die Bummelgass’ und kreuz und quer durch die Altstadt, weiter zur Grundschule, durch die Räume der städtischen Jugendförderung, zur Offenen Schule und schließlich auf einen Spielplatz ging es für Babenhäuser Drittklässler und neun Flüchtlingskinder, die derzeit in der ehemaligen Kaserne wohnen. Dabei sollten einheimische mit fremden Kindern in Kontakt kommen. Das war das erklärte Ziel der Kooperationsveranstaltung von Grundschule, der städtischen Kinder- und Jugendförderung und der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung (HEAE). „Die Anfrage kam aus der HEAE an die Jugendförderung. Die Schulleitung fand die Idee toll. Und da die dritten Klassen sich im Unterricht ein halbes Jahr mit dem Thema ,Mein Babenhausen’ beschäftigt hatten, hat es gut gepasst“, sagte Michael Spiehl von der Jugendförderung.

Die Jungs aus dem Irak, Afghanistan und Pakistan, begleitet von Barbara Hirschfeld und Kerstin Burns vom Sozialteam des ASB, erlebten eine fröhlichen Tour durch die Gerspenzstadt. Sie erfuhren unter anderem, dass man im Rathaus seinen Pass bekommt, wo man Bücher kaufen oder ausleihen kann, was der Hexenturm war und wo man Medikamente bekommt. Interessant waren sicher die Einblicke in die deutschen Schulen und auf einem Spielplatz findet man sich auch ohne Sprachkenntnisse gleich zurecht. Wo Worte nötig waren, halfen die beiden Dolmetscher Housam Toama, der als Palästinenser in Syrien zuhause war, und Abul Hakim Diabari aus Afghanistan. Beide leben als Flüchtlinge vorübergehend in der Kaserne und helfen dort freiwillig als Übersetzer aus. Denn professionelle Dolmetscher sind rar gesät. „Es ist schwer, Dolmetscher für alle verschiedene Sprachen, die bei uns vertreten sind, zu finden“, sagte Barbara Hirschfeld, dankbar für das Engagement der beiden jungen Männer, die etwa ein halbes Jahr in Deutschland sind und sich die deutsche Sprache in dieser Zeit selbst beigebracht haben. „Ich lerne hauptsächlich mit meinem Handy“, sagte Housam Toama, der arabisch spricht, aber bei den kleinen Irakern, die auf der Tour dabei sind, an seine Grenzen stößt. „Sie sind Kurden und verstehen kaum arabisch“, sagte er.

Aber auch wenn der sprachliche Inhalt möglicherweise nicht immer ankam, machte es allen Beteiligten doch sichtlich Spaß.

Die deutschen Kinder konnten ihre Wissbegier stillen und einen Blick in eine völlig fremde Lebenswelt erhaschen. „Was machen die Kinder den ganzen Tag in der Kaserne, gehen sie auch zur Schule?“, „Wohnt jede Familie in einem eigenen Haus?“ oder „Ist es dort gemütlich?“, wollten sie wissen. Die kleinen Flüchtlinge fühlen sich wohl in der Kaserne, so die Übersetzung. Barbara Hirschfeld erläuterte, dass das mit der Gemütlichkeit ja sehr relativ ist nach den Schrecken von Krieg und Flucht. „Die Flüchtlinge leben in großen Häusern mit mehreren Zimmern. Teilweise teilen sich mehrere Familien ein Zimmer, so dass oft 20 Menschen in einem Raum mit Hochbetten wohnen. Schränke gibt es keine. Sie müssen aus Tüten und Taschen leben. Viele kommen hier nur mit dem an, was sie auf dem Leib tragen. In der Kleiderkammer können sie gespendete, gebrauchte Kleidung bekommen.“ Die Babenhäuser Grundschüler erfuhren, dass es für die Kinder in der Kaserne nachmittags eine Betreuung gibt und Spielmöglichkeiten in einer großen Halle, der ehemaligen Bowlingbahn. Zur Schule können sie noch nicht gehen. „Die Schulpflicht beginnt für sie erst wenn sie die Erstaufnahmeeinrichtung wieder verlassen“, so Hirschfeld.

Die Fluktuation in der HEAE sei derzeit groß und Zahlen schwer zu nennen, so Hirschfeld, nach deren vorsichtiger Schätzung im Moment etwa 400 Flüchtlinge, davon knapp hundert Kinder und Jugendliche in der Kaserne untergebracht sind.

Es gibt keine ganz unbegleiteten Minderjährigen, aber einige kommen ohne ihre Eltern in Begleitung anderer Verwandter hier an. Das ist für die kleinen Babenhäuser schwer zu verstehen. „Ja, wo sind denn die Eltern?“, fragten sie. „Einige sind noch im Heimatland, weil sie nicht genug Geld für die Flucht aller Familienmitglieder hatten, oder sie sind noch in der Türkei oder Griechenland, von wo aus sie nicht weiterkommen“, erklärte die ASB-Mitarbeiterin, die sich mit ihrem Team um Beschäftigungsmöglichkeiten für die kleinen Gestrandeten bemüht. Unterstützung kommt von Sportkoordinatorin Michaela Blank: „Wir haben Kooperationen mit Babenhäuser Vereinen. Dadurch können die Kinder samstags bei der Germania Fußball spielen. Sie konnten auch in Judo reinschnuppern. Das ist jetzt einmal im Monat geplant, ebenso wie Tanzen“.

So erfuhren alle etwas Neues. Und beim Eis essen in der verstanden sich die Kinder auch ohne Übersetzer.

Quelle: op-online.de

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