Uwe Friedrich trägt Gedichte vor, dazu spielt die Band Absolut Live

Für Freunde von Pop und Lyrik

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„Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind“, rezitierte Uwe Friedrich vom Künstlerkreis aus Brechts Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“

Babenhausen - Pop und Poesie sind bei „Sting meets Rilke“ zu einem Konzert verschmolzen, bei dem das Ensemble Absolut Live aus Bonn und Uwe Friedrich vom Babenhäuser Künstlerkreis bewiesen haben, dass beides durchaus zusammenpasst. Von Michael Just 

In einem Gedicht von Bertolt Brecht ist die Erinnerung an einen Kuss mit einer kleinen weißen Wolke verbunden, die über dem Paar am Himmel schwebt. Während die Zeilen darlegen, dass die Liebe mit der Frau irgendwann verfloss, wird die Wolke im weiteren Verlauf immer wichtiger: „Die weiß ich noch und werd sie immer wissen“, schreibt Brecht über das wunderschöne Gebilde am Himmel, das nur ein paar Minuten „blühte“. „Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind“, heißt es im Gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ In der Stadtmühle zauberte am Wochenende Uwe Friedrich diese Wolke in die Fantasie seiner Zuhörer – und parallel auch das Bewusstsein über Vergänglichkeit, um die es Brecht vor allem in diesem Werk ging. Friedrich ist Mitglied im Babenhäuser Künstlerkreis und tritt darin als großer Freund der Lyrik auf. In Veranstaltungen bringt er als darstellender Künstler herausragende Gedichte regelmäßig einem interessierten Publikum näher. Am Samstag und Sonntag tat er das unter dem Titel „Sting meets Rilke“, womit eine recht ungewöhnliche Idee verbunden war: Abwechselnd zu den Gedichten trug die dreiköpfige Band Absolut Live aus Bonn Pop-Songs vor, deren Texte ebenfalls poetisch sind und Tiefgang beweisen.

Den Anfang machte der Rezitator mit dem Gedicht „Trostlied im Konjunktiv“ von Erich Kästner. Danach stimmte Sängerin Lynn Haetzel „Dancing in the Dark“, im Original von Bruce Springsteen, an. Auf den Lustspielauszug von Georg Büchners „Leonce und Lena“ erklang Tom Pettys „Free Falling“. Nie unberührt lässt das Gedicht „Mutterns Hände“ von Kurt Tucholsky seine Zuhörer. Darin geht es um Hände, die nach einem langen, entbehrungsreichen Leben voller Arbeit im Alter zur Ruhe kommen. Mit dem ausdrucksstarken „Je veux“ von ZAZ, einer französischen Sängerin, die Chanson-, Pop- und Jazzelemente verbindet, setzte Absolut Live als letztes Lied im ersten Teil ein musikalisches Ausrufezeichen, das mit besonders viel Applaus bedacht wurde.

Friedrich ist Babenhäuser und arbeitete bis zu seinem 70. Lebensjahr als Notar. Schon als Schüler war er von Gedichten angetan. Allerdings blieb erst im Ruhestand die Zeit, sich ausführlich mit ihnen zu beschäftigen. Auf die Frage, warum ihn Gedichte derart bewegen, zieht er eine Antwort des Schriftstellers Jan Wagner heran. Der formuliert, dass das Gedicht das Beste aus den Widersprüchlichkeiten unserer Existenz und Welt macht, indem es diese nicht leugnet, sondern spielerisch aufgreift. Damit wird für ihn „die größte Freiheit auf engstem Raum“ verkörpert.

Der Kontakt zu den Musikern aus Bonn kam durch Sängerin Lynn Haetzel zustande, die eine Nichte von Friedrich ist. „Sting meets Rilke“ wird Ende November in der ehemaligen Hauptstadt noch zweimal wiederholt. Mit einem ähnlichen Programm war die Gruppe in Bonn 2015 bereits dreimal erfolgreich. Die Kombination von Gedichten und Pop-Songs zog nun auch in Babenhausen ein großes Publikum an: Beide Veranstaltungen waren nahezu ausverkauft und hinterließen ein begeistertes Publikum. Das zeigte sich in den Gedichten von Rilke, Heine, Büchner oder Eichendorff sowie den poetischen Bildern, die Friedrich mit seiner Stimme fast schöpferisch noch ein großes Stück weiter ausmalte, regelrecht gefangen. Mit nicht minder aussagekräftigen und berührenden Stücken der Pop-Geschichte, darunter solche von Sting, Tom Waits oder Tracy Chapman, baute Sängerin Lynn Haetzel die Emotionen weiter aus. Ihr warmer und dennoch kraftvoller Gesang begleiteten der Perkussionist Jan Palkoska und Daniel Dietmann am Keyboard.

So lassen sich Idee und Umsetzung von „Sting meets Rilke“ als voller Erfolg einordnen. Gegen den Trend wurde die Programmübersicht erst am Vorstellungsende verteilt, um keine Überraschungen vorweg zu nehmen. Das war nicht zu spät: Ein Großteil der Besucher nahm das Programm mit nach Hause, um einige Stücke im Internet oder im Bücherregal herauszusuchen und ein zweites Mal zu genießen.

Quelle: op-online.de

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