Frühstücken im einstigen Prunksaal

Aus Gayling-Anwesen wird Gästehaus

+
Noch ist die Amtsgasse 30 eingerüstet. Ab Herbst soll sie, wie das Territorialmuseum daneben, in neuem Glanz erstrahlen.

Babenhausen - Seit fast fünf Jahren ist das Fachwerkhaus in der Amtsgasse 30 (neben dem Territorialmuseum) eingerüstet. Die zeitintensive Sanierung soll laut Eigentümer Siegfried Schildbach im Herbst ein Ende haben. Als Gästehaus bietet es dann die Möglichkeit, in historischem Ambiente die Nacht zu verbringen. Von Michael Just

„Das Treppenhaus ist mein ganzer Stolz“, sagt Siegfried Schildbach, während sein Auge mit Respekt für die Baumeister vergangener Epochen nach oben wandert. Vom Parterre bis in die zweite Etage zieht sich eine massive Wendeltreppe, von der man durch beeindruckende Sandsteinbögen die einzelnen Etagen betritt. In denen liegen gerade die wuchtigen Eichenbalken im Boden offen. Mit ihnen errichtete der Gayling-Adel im 16. Jahrhundert sein Domizil über einer gemauerten Basis. Derzeit wird auf allen Ebenen parallel an Elektrik, Heizung oder neuen Wänden im Trockenbau gewerkelt. „Jeden Monat fallen Kosten an. aber es gibt keine Einnahmen. Das lässt sich auf Dauer nicht bewerkstelligen“, gibt der 75-Jährige, der das Objekt bereits 2009 bei einer Versteigerung erwarb, zu verstehen. Mittlerweile zählt laut seinen Worten jeder Tag für eine rasche Eröffnung. Zehn Gästezimmer weisen die Pläne aus. Davon befinden sich zwei im Parterre sowie jeweils vier im ersten und zweiten Stock. Zur urigen Atmosphäre von kleinen Fenstern und hölzernen Deckenbalken, wie sie in einigen Zimmern herrscht, bilden die neuen Bäder einen modernen Kontrast.

Der große Saal der Gaylings wird seit Jahren saniert. Zukünftig werden dort Übernachtungsgäste speisen.

Der einstige Prunksaal der Gaylings im Erdgeschoss dient zukünftig als Frühstücksraum. „Mit dem Erwerb des Hauses war von Anfang an die Idee verbunden, hier ein Gästehaus zu verwirklichen“, berichtet der Gastronom mit 42-jähriger Berufserfahrung. Schließlich seien Fremdenzimmer schon im „Schwartzen Löwen“ gut gelaufen. Das Schmuckstück am Marktplatz stand in der Vergangenheit unter Schildbachs Ägide. Für die guten Übernachtungszahlen sind das schöne Rhein-Main-Gebiet und Continental als einer der größten Arbeitgeber der unmittelbaren Umgebung verantwortlich. Mit Volkswagen und dessen neuem Schulungszentrum dürfte die Nachfrage weiter klettern. Denn das Gros sind Geschäftsreisende, die zu einer besonderen Gewichtung der Einzelzimmer beitragen. In der Amtsgasse macht sich das mit vier „EZ“ zu sechs „DZ“ bemerkbar.

Dass in den letzten Jahren die Entwicklung nur zögerlich voranging, wird vom Bauherrn mit der aufwendigen Sanierung begründet. So wurde beispielsweise im Erdgeschoss eine zusätzliche Ebene entfernt, die der Vorbesitzer aufgrund der Höhe des Raums eingezogen hatte. Zur Straßenseite hin legten die Arbeiter gut erhaltenes Fachwerk, das vorher nicht sichtbar gewesen ist, wieder frei. Im Gegensatz dazu verschwand im Seiten- und Hinterbereich verwittertes Außenholz unter Putz. Das war so marode, dass diesem Schritt selbst der Denkmalschutz zustimmte. Im Inneren wurden neue Trägerbalken eingezogen und alte in Schuss gebracht. „Mittlerweile ist mit dem Haus doppelt so viel Arbeit verbunden als zunächst vermutet“, konstatiert Schildbach. Nicht gut tat dem einstigen Herrschaftssitz, dass dieser vor dem jüngsten Verkauf über 20 Jahre lang leer stand. Dazu wurde Jahrzehnte lang nichts in den Erhalt der Substanz investiert. Brand- und Denkmalschutz forderten vom neuen Eigentümer zusätzlich Energie und Tribut.

"Unverbaute Lage" und "gut erhalten": Das bedeuten Immobilien-Codes

Positiv überraschend fielen wenigstens die Fördergelder aus: „Da hatten wir weit weniger erwartet“, sagt der 75-Jährige, der eigentlich den Ruhestand genießen könnte, stattdessen aber lieber den „Spaß“ an der Herausforderung sucht. Jetzt soll im Herbst eröffnet werden. Die Möbel wurden bereits bestellt. ,,Sie sind Terminarbeit, ihr muss der Architekt nachkommen“, sagt Schildbach mit einem Tenor, der keinen weiteren Aufschub vorsieht. Die Gäste erwartet ein Familienbetrieb, in den sich auch Tochter Petra und Sohn Andre einbringen werden. In Babenhausen bestimmen sie die Gastronomielandschaft bereits wesentlich mit: Sie führen die beiden Gasthäuser „Zum Adler“ und „Zum Schwanen“.

Quelle: op-online.de

Kommentare