Textilkünstlerin Birgit Birlenberg

Gesichter aus Stich und Faden

+
Birgit Birlenberg zeigt den beiden Malern Horst Käse (links) und Willi Seibert ihre Herangehensweisen.

Babenhausen - Zum fünften Mal öffnete die Textilkünstlerin Birgit Birlenberg zum Kultursommer Südhessen ihr Atelier für Besucher. Von Petra Grimm

In einem großen, hellen Kellerraum in ihrem Haus, in dem sie ungewöhnliche Werke mit Nadel und Faden per Hand und an der Nähmaschine erschafft, ermöglichte sie den Besuchern Einblicke in ihr kreatives Werk. Dass sie beim Nähen ihrer mehrschichtigen, oft dreidimensionalen Bilder mit besonderen Herausforderungen zu kämpfen hat und die Vorarbeiten sehr umfangreich sind, wird schnell klar. „Wenn mir bei einem meiner Bilder was nicht gefällt, übermale ich das einfach. Wie machst du das?“, fragte ihr Künstlerkollege Willi Seibert, der gemeinsam mit dem Maler Horst Käse unter den Gästen war. Birlenberg musste schmunzeln: „Also bei meinen Bildern geht das nicht so einfach. Wenn etwas zusammen genäht ist, kann man nicht mehr viel ändern. Ich muss im Vorfeld mit verschiedenen Stoffen und Techniken alles ausprobieren“. Experimentieren gehört zu ihrer Kunst zwingend dazu. Bis das Bild am Ende fertig ist, ist nicht nur jede Menge Vorstellungsvermögen und Kreativität im Umgang mit den unterschiedlichen textilen Materialien gefragt, sondern auch Geduld und eine ruhige Hand.

Birlenbergs aktuelle Schaffensphase trägt den Titel „Textile Augenblicke“. Bei dieser Bilderserie möchte sie plötzlich aufflackernde Gedankenmomente oder auch kurze Beobachtungen darstellen. Nachdem ihre Arbeiten 2014 von geometrischen Formen und im vergangenen Jahr von starker Dreidimensionalität geprägt waren, stehen jetzt Menschen im Mittelpunkt. Dabei wagt sich die 1955 in Oberhausen im Ruhrgebiet geborene Künstlerin, die Textilgestaltung, Anglistik und Pädagogik studiert hat, zum ersten Mal an die Darstellung von Gesichtern. Ein schwieriges Feld, wenn man „mit Nadel und Faden malt“. Nicht nur die Proportionen, auch einen bestimmten Gesichtsausdruck zu treffen, beispielsweise Staunen und Freude, sei eine große Herausforderung, sagt Birlenberg. „Ein Gesicht mit einem Bleistift als Skizze zeichnen ist ja nicht so schwierig, aber beim Nähen muss minimiert werden. Schatten oder auch Schraffierungen sind da schwer. Unter der Nähmaschine ist die Perspektive auch anders.“

Zudem muss geeignetes Material gefunden werden. Bei ihrem neuesten, noch nicht ganz vollendeten Bild mit dem Titel „Lebenfreude“ ist der Kopf einer Frau abgebildet, die ein Feuerwerk am Himmel betrachtet. Sie wird von oben angestrahlt. „Da hatte ich großes Glück, dass ich für das Gesicht einen Stoff zur Verfügung hatte, in dem die Farbe von dunkel zu hell verläuft. Der Stoff hilft, dass das Licht des Feuerwerks im Gesicht zu sehen ist“.

Das zweite Bild der aktuellen Werkschau trägt den Titel „Das Wagnis“ und zeigt einen Menschen, der durch eine Vorhangritze ins Publikum schaut und sich zu fragen scheint, ob er es wagen soll, auf die Bühne zu treten. Dabei sind weitere Interpretationen möglich. Denn das Ganze ist wie ein Bild im Bild, das am Rand von zwei Händen festgehalten wird, als stünde der Künstler selbst dahinter und halte es hoch. Er scheint als Person hinter seiner Kunst zu verschwinden. Ihre beiden nächsten Ausstellungen führen Birgit Birlenberg am 8. und 9. Oktober zunächst nach Michelstadt, wo eine Auswahl ihrer Arbeiten anlässlich der „Sticheleien“ im Odenwaldmuseum zu sehen sind. Und danach vom 21. bis 23. Oktober nach Gerolsheim in der Pfalz, wo sie bei der RegioArt vertreten sein wird.

Quelle: op-online.de

Kommentare