Gesundheitliche Versorgung

Nicht warten, bis es zu spät ist

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Darmstadt-Dieburg/Babenhausen - Noch ist die gesundheitliche Versorgung in großen Teilen des Landkreises gut. Aber einzelne Kommunen leiden bereits heute unter Ärztemangel. Ein Thema, das auch Babenhausen seit Längerem beschäftigt. Von Ulrike Bernauer 

Auf dem ehemaligen Feuerwehrgelände entstehen derzeit seniorengerechte Wohnungen. Platz wäre auch noch für einen oder zwei Ärzte. Ein regelrechtes Ärztehaus, wie von Politikerseite gewünscht, wird es dort aber nicht geben. Mit dem Positionspapier „Zukunft Gesundheit“ greift Landrat Klaus Peter Schellhaas in die aktuellen, meist örtlich begrenzten Debatten ein. In der vergangenen Kreistagssitzung verteilte er das 70-seitige Papier, um die Diskussion von der Gemeinde- auf die Landkreisebene zu holen. Damit soll eine längerfristige Debatte um eine ausreichende Gesundheitsversorgung angestoßen werden. Ein heikles Thema, besonders unter Berücksichtigung des fundamental gewandelten Gesundheits- und Pflegemarktes.

Zu den Zielen des Papiers zählt das Gewährleisten der Basisversorgung, aber auch die Bezahlbarkeit der angebotenen Leistungen. Zudem soll statt eines ruinösen Wettbewerbs ein gemeinsamer Schulterschluss von Haus- und Fachärzten gefördert werden. Kritisch ist die Zahl der Hausärzte jetzt schon, in diesem Jahr liegt der entsprechende Versorgungsgrad bei unter 90 Prozent. Dramatisch wird es voraussichtlich 2020: dann verabschieden sich 68 Hausärzte im Kreis in den Ruhestand. Das Papier konstatiert Martkversagen, eben auch, weil sich die Ansprüche an den Arztberuf geändert haben. Den Hausarzt, der selbst in der Nacht für seine Patienten zur Verfügung steht, wird es bald nur noch selten geben. Gefragt sind stattdessen Arbeitszeiten, die Freizeit oder Familie zulassen. Dazu kommen sinkende Honorare, die den Arztberuf ebenfalls unattraktiver machen.

Als Lösungsansätze schlägt das Papier auch gesetzliche Maßnahmen vor, die von Bund und Land schon getroffen wurden. Diese vereinfachen Ärzten etwa die Eröffnung von Zweigstellen, aber auch die Anstellung weiterer Fachkräfte. Als direkte Maßnahme für den Landkreis Darmstadt-Dieburg empfiehlt das Positionspapier die Schaffung von Primärversorgungszentren. Dort können sich mehrere Hausarztpraxen zusammenschließen, um sich medizinische Fachangestellte zu teilen. Auch das Absprechen flexibler Arbeitszeiten ist dort möglich. Das Gleiche gilt für Facharztzentren. Als mögliche Standorte nennt das Papier für den Ostkreis Babenhausen, Schaafheim, Groß-Umstadt, Dieburg, Ober-Ramstadt, Groß-Zimmern und Reinheim. Vorstellbar ist auch eine „rollende Arztpraxis“, die Kommunen ohne ausreichende Versorgung zu festen Zeiten anfährt.

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Das Papier bezieht sich nicht nur auf die medizinische Versorgung, sondern auch auf die Pflege. Diese ist zum Teil schon unmittelbar vom herrschenden Ärztemangel betroffen. So ist manches Pflegeheim nicht voll belegt, weil für neue Bewohner die gesundheitliche Versorgung nicht gewährleistet werden kann. Das Papier widmet sich zunächst einer Bestandsaufnahme. Wenig überraschend ist, dass die Pflegebedürftigkeit aufgrund der demographischen Entwicklung weiter steigen wird. Waren im Jahr 1999 bundesweit gut zwei Millionen Bürger pflegebedürftig, so werden es im Jahr 2020 Hochrechnungen zufolge 2,9 Millionen sein. Hinzu kommt, dass vermutlich immer mehr Menschen vollstationär gepflegt werden müssen oder ambulante Pflegedienste in Anspruch nehmen werden. Mit 2300 Plätzen in Pflegeheimen ist der Landkreis allerdings zurzeit mehr als versorgt. Denn nur knapp 80 Prozent der Kapazitäten sind auch belegt.

Besonders beleuchtet das Papier die Situation der Gersprenzpflegeheime, von denen zurzeit vier in Reinheim, Groß-Zimmern, Münster und Groß-Umstadt bestehen. Gebaut werden sollen weitere Einrichtungen in Groß-Bieberau und Fischbachtal. Der Erfolg einer Pflegeeinrichtung werde in Zukunft vor allem davon abhängen, wie gut sich die einzelnen Abteilungen auf die Bedürfnisse und Wünsche der Bewohner einstellen können. Stichworte sind hier betreutes Wohnen, aber auch eine Öffnung und Vernetzung ins umgebende Quartier. Das Papier soll in den nächsten Monaten in den entsprechenden Gremien beraten werden, auch über die am 19. April anstehenden Landratswahl hinaus.

Quelle: op-online.de

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