10000 Euro für Reparateur an Stadtkirche

Läuten ohne „Es“

+
Christoph Kleinert unter der betroffenen Glocke. Mit rund 650 Jahren stellt sie die älteste im Geläut dar.

Babenhausen - Fünf Glocken rufen normalerweise die Gläubigen in die evangelische Stadtkirche. Eine von ihnen ist jedoch kaputt, ihre Reparatur aufwändig und kostspielig. Ein weiteres Problem: Wie passt der 200-Kilo-Koloss durch den schmalen Turm?. Von Michael Just 

Der Weg in den Glockenturm der Stadtkirche hat es in sich: Steil und eng führen die Windungen nach oben. Zwischen dem, der die Treppe hinaufsteigt und den unbehauenen Steinen der Wand passt kaum ein Stück Papier. „Platzangst sollte man nicht haben“, sagt Christoph Kleinert vom Kirchenvorstand. Durch eine Falltür führt der abenteuerliche Weg am Dachstuhl vorbei zu einer Holztreppe, an deren Ende der Kopf eingezogen werden muss: Der Anstieg endet direkt unter einer riesigen Glocke, deren kiloschwerer Klöppel im Halbdunkel schnell übersehen wird und beim Anstoßen unweigerlich zur Beule am Kopf führt.

Wer sich am Glockenrand vorbei auf den Turmboden zwängt, hat das Ziel erreicht: das Geläut des über 750 Jahre alten Gotteshauses. Das schlägt seit dem 26. Dezember nicht mehr wie gewohnt: Als Kleinert an diesem Tag in die Küsterrolle schlüpfte und die insgesamt fünf Glocken in Bewegung setzte, um die Gläubigen zum Gottesdienst zu rufen, machte es plötzlich „bäng“. Der Riss ließ keine andere Wahl, als die betroffene Glocke stillzulegen. Seitdem ist das Klangbild unvollständig, die evangelische Gemeinde kommt um eine teure Reparatur nicht herum.

Fünf Glocken auf verschiedenen Ebenen

Die fünf Glocken befinden sich auf verschiedenen Ebenen, zusammen wiegen sie rund 2,6 Tonnen. Drei sind jüngeren Datums: Sie wurden 1955 gegossen und eingesetzt. Unter ihnen ist auch das größte Exemplar mit 940 Kilo und 118 Zentimeter Durchmesser. Zwei der Glocken versprühen regelrecht Geschichte: Eine stammt von 1437 und stellt mit 103 Zentimeter die zweitgrößte im Verbund dar. Aus dem Jahrhundert davor stammt die kleinste und zugleich älteste Glocke (200 Kilo, 72 Zentimeter breit). „Wenn ich fromm erklinge, gedenke deines Volkes, Maria!“ steht auf ihr. Sie ist die mit dem Riss, weshalb es keinen „Es“-Ton mehr gibt.

Auch wenn kaum ein Bürger den fehlenden Ton aus den vier anderen Glocken heraushört, will die Gemeinde den Schaden natürlich beheben lassen. Da sich die beauftragte Turmuhr- und Glockentechnik-Firma aus Flörsheim Zeit ließ, hat sich die Reparatur verzögert. Zudem galt es, das Problem zu lösen, wie man die Glocke überhaupt aus der Kirche bekommt. So sind die Fenster im Turm von den wuchtigen Tragebalken der Glocken versperrt, die mit Verstrebungen den gesamten Raum ausfüllen.

Glocke muss eine Etage runter  

Als einzige Lösung bleibt nur, den kolossalen Klangkörper mit Kettenseilzügen eine Etage tiefer – auf Höhe des Dachstuhls – zu manövrieren. Dafür muss eine Treppe weichen. Dann fehlt aber immer noch die Öffnung nach draußen. Die wird geschaffen, indem ein Teil des Dachs und der Ziegel entfernt wird. Durch das Loch wird sich ein Kran dem guten Stück annehmen.

Die Experten werden die Glocke zuerst reinigen, dann einpacken, aufheizen und zu guter Letzt schweißen. Die Gesamtkosten sind nicht gering: Weit mehr als 10 000 Euro dürften anfallen. Ein Drittel der Summe entsteht alleine durch den aufwändigen Ausbau. Vor allem durch Rücklagen und eventuelle Spenden will die evangelische Kirchengemeinde die Mittel aufbringen. Am Dienstag nach Pfingsten geht’s los. Kleinert geht davon aus, dass die Reparatur im holländischen Aasten, wo die ausführende Firma ein Zweigwerk betreibt, mindestens acht Wochen dauert.

In den letzten Tagen hat sich das Kirchenvorstandsmitglied im Turm immer wieder ein Bild von der anstehenden Herausforderung gemacht. Dafür beschritt Kleinert regelmäßig den beschwerlichen Weg nach oben, dem die mittelalterlichen Baumeister kaum Bedeutung schenkten. Trotz der damit verbundenen Torturen hat der Babenhäuser den Humor nicht verloren: „Ich weiß jetzt, wie sich Quasimodo gefühlt hat“, sagt er schmunzelnd.

Kommunionkinder und Konfirmanden des Jahres 2015

Kommunion und Konfirmation: Bilder aus der Region

Quelle: op-online.de

Kommentare