Relikt aus unfriedlicher Zeit

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Bei Bauarbeiten auf dem ehemaligen Feuerwehrgelände wird eine Kugel gefunden, die im Dreißigjährigen Krieg eingesetzt wurde. Ein Waffenspezialist, der mit dem Dreßigjährigen Krieg vertraut ist, nimmt sich der Kugel an. - Foto: Just Bei Bauarbeiten auf dem ehemaligen Feuerwehrgelände wird eine Kugel gefunden, die im Dreißigjährigen Krieg eingesetzt wurde. Ein Waffenspezialist, der mit dem Dreßigjährigen Krieg vertraut ist, nimmt sich der Kugel an.

Babenhausen - Als die Bauarbeiten für den neuen Kindergarten sowie das Altstadt-Quartier auf dem alten Feuerwehrgelände anliefen, waren diese stets mit einem Hinweis durch den Heimat- und Geschichtsverein (HGV) an die dort Tätigen verbunden: Von Michael Just 

„Die Ecke ist durch die Stadtmauer und den einstigen Stadtgraben historisch. Gebt auf alle Fälle Acht, da könnte Bedeutsames im Boden stecken“, hieß es. Der Wink war nicht umsonst: Vor kurzer Zeit kam genau an der Stelle, wo jetzt die Seniorenanlage entsteht, eine Kugel zum Vorschein, die 1635 eine wichtige Rolle spielte. Damals wurde Babenhausen belagert und die Luft im Bereich des hinteren Stadtgrabens erwies sich als ziemlich „eisenhaltig“. Davon zeugt bereits eine andere Kugel, die in den 1970er Jahren unweit des Hanauer Tores, ebenfalls bei Bauarbeiten, ans Tageslicht kam.

Georg Wittenberger und Klaus Mohrhardt vom Heimat- und Geschichtsverein (HGV) können über das „neue“ Exemplar, das rund fünf Kilo wiegt und einst mit Pulver verfüllt war, eine Menge berichten. Zum Beispiel über das anvisierte Ziel: Das waren 150 Schweden – eine Kompanie sowie 60 unterstützende Reiter – die sich im Dreißigjährigen Krieg innerhalb der Stadtmauer der Angriffe der kaiserlichen Truppen unter Graf von Mansfeld erwehrten. Die Schweden vertraten die protestantische Seite, der Graf und seine Soldaten die katholische.

„Die Angreifer waren mit sechs Regimentern äußerst schlagkräftig ausgestattet“, weiß Mohrhardt. Zur ansehnlichen Artillerie gehörten zwei Feuermörser, sechs Kanonen und vier Halb-Kartaune (Vorderlader-Geschütze). Mittels der Mörser wurden 70 Kugeln, in Größe und Gewicht mit dem Fundstück vergleichbar, auf die Stadt abgegeben. Die genaue Zahl ist durch die Geschichtsbücher dokumentiert, da die Belagerten jeden Schuss mitzählten.

Zum Glück für die Babenhäuser flogen nur 17 Exemplare den Weg über die Mauer. Der Fund gehört vermutlich zu jenen, die es nicht schafften. Im Gegensatz zu den heutigen Geschossen explodierten die damaligen nicht, sondern sollten mit ihrer Schlagkraft Schaden anrichten, oder, sofern pulverhaltig, mit ihrer brennenden Lunte die Häuser in Brand stecken. In Babenhausen erwies sich das schwieriger als anderswo: Laut Mohrhardt war innerhalb der Stadtmauer genügend Wasser zum Löschen vorhanden.

Als die Stadtverwaltung bei Georg Wittenberger anrief und und ihn über das Relikt im Aushub informierte, eilte der erstmal umsonst zum alten Feuerwehrgelände. „Die Kugel war da – und auch gleich wieder weg“, sagt er rückblickend. Der Kampfmittelräumdienst, der wegen der großen Menge an Bomben, die die Alliierten im Zweiten Weltkrieg auf Babenhausen regnen ließen, ebenfalls auf der Baustelle präsent war, hatte das „gute Stück“ gleich zu Untersuchungen in den Vogelsberg mitgenommen. „Wäre Pulver drin gewesen, hätte es wohl kein Wiedersehen gegeben. Dann wird die Kugel aus Sicherheitsgründen erhitzt und damit zerstört“, erläutert Wittenberger. Zum Glück entpuppte sie sich als leer, weshalb ihr Weg wieder zurück in die Gersprenzstadt führte. „Entweder ist sie ausgebrannt oder man entnahm schon damals das Pulver. Das war bei den Belagerten Mangelware“, führen die Experten an.

An der Kugel lässt sich eine Schleudervorrichtung erkennen. Welche genaue Bedeutung samt Handhabe damit verbunden ist, können die Mitglieder des HGV nicht eindeutig sagen. Mit dem Ring sowie den Löchern hebt sich der Fund aber von den anderen Kugeln im Museum ab. „Damit besitzen wir nun eine ideale Ergänzung“, sagt Mohrhardt. Insgesamt zählt das Territorialmuseum nun fünf Kugeln. Drei werden bereits ausgestellt, eine befindet sich aufgrund ihres schlechten Zustands im Magazin.

Das jüngste Überbleibsel aus der bewegten Stadtgeschichte ist noch mit Rost und Erde überzogen. Das macht es Wittenberger unmöglich, vorherzusagen, wann diese in die Schau wandern kann. Zuerst muss ein Restaurator ran. Das sollte ein Waffenspezialist sein, der sich mit dieser Zeit auskennt. Eine Rolle spielt zudem der Preis für die Reinigung. Liegt der im vierstelligen Bereich, braucht es Geld zur Finanzierung. Alles in allem wollen die Verantwortlichen nichts überstürzen: „Das Wichtigste ist, dass beim Restaurieren nichts kaputtgeht. Dafür ist der Fund zu wertvoll“, heißt es.

Quelle: op-online.de

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