Johannes Scherer bei Kirchen-Kabarett-Festival

Kabarett ganz ohne Handy-Angst

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Gelungener Auftakt zum ökumenischen Schmunzel-Festival mit Pfarrern und Radiomoderator. Johannes Scherer, vielen Babenhäusern als Radio-Moderator bekannt, trat am Samstagabend beim Kirchen-Kabarett-Festival in der Stadthalle auf.

Babenhausen - Hinter dem Babenhäuser Kirchen-Kabarett-Festival steckt als Organisator die evangelische Kirchengemeinde. Von Michael Just

Unterscheidet sie bei den Bühnenakteuren zwischen evangelisch und katholisch? Offenbar nicht, wie am Samstagabend gleich zu Beginn seines Auftritts Johannes Scherer bewies: Er „outete“ sich nämlich ganz unverblümt als katholisch. „Damit sind wir eine ökumenische Veranstaltung“, hob der Radiomann heraus und verwies dabei auf seine Herkunft aus dem bayrischen Schöllkrippen. In Frankfurt lebe er jetzt quasi in die Diaspora. „In Bayern hat man aber Verständnis für Protestanten. Und fast noch kurioser, auch für Sozis“, erläuterte Scherer und setzte damit den ersten großen Wirkungstreffer auf die Lachmuskel der Besucher. Die Stand-Up-Comedy des 42-Jährigen sollte später einigen Besuchern noch die Tränen in die Augen treiben.

Zusammen mit Clajo Herrmann bestimmte Scherer am Samstag das Bühnengeschehen beim Festival, das seit der Premiere 2000 die achte Neuauflage feierte. Insgesamt drei Tage lang verwandelten die Protagonisten Walter Renneisen, Johannes Scherer, Clajo Herrmann und Hans Greifenstein die Stadthalle erneut in einen Tempel für Kabarett und Comedy. Mit der Veranstaltung treten die Organisatoren erfolgreich den Beweis an, dass Humor und Glaube sich nicht ausschließen. „Bissige Gedanken über die Kirche sind willkommen, aber keine Pflicht“, so Susanne Lautenschläger vom Organisationsauschuss. Wichtig sei, dass die Akteure in das kirchliche Umfeld passen und in ihrem Programm den Menschen in der Gesellschaft aufgreifen.

Mit Walter Renneisen, der die Schirmherrschaft übernahm, und Johannes Scherer präsentierten die Macher zwei neue Gesichter ergänzend zum Ersten Allgemeinen Babenhäuser Pfarrer(!)Kabarett, das als Mitbegründer von Anfang an dabei ist. Sättigungsgefühle rufen die ehemaligen Pastoren nicht hervor, ungebrochen erfreuen sie sich größter Beliebtheit. Das zeigte der Sonntag: Dass viele Besucher am nächsten Tag arbeiten müssen, spielte keine Rolle. Schon im Vorverkauf gingen, einzig und speziell nur für den Tag, an dem das Duo gemeinsam auftrat, alle Karten im Vorverkauf weg. Die angekündigte „nutzlostheologische Wortakrobatik mit oxfordhessischer Sinn-Askese“ verfehlte damit ihren Sog auch 2015 nicht (Bericht folgt).

Am Samstag legte zuerst Clajo Herrmann mit Ausschnitten aus seinem Programm „Sose mache Flegge“ vor. Nach der Pause tauchte Johannes Scherer in die modernen Errungenschaften mit Handys und Navis ein. Wie er sagte, seien Handys Wunderwerke, die das Wissen der kompletten Menschheit, wie etwa über Wikipedia, jederzeit abrufbar machen. Früher hätte man dafür 30-bändige Enzyklopädien im Schrank gehabt. Neben Erbschaft und Mitgift hätte viele jene Sammlung auch deshalb besessen, weil sie zuvor in der Fußgängerzone so blöd gewesen wären, eine Unterschrift für einen Buchclub zu leisten.

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Entgegen sonstiger Bitten, bei Veranstaltungen die Handys auszumachen, verzichtete der Wahl-Frankfurter so auch auf diesen Hinweis. „Heutzutage ist es unverantwortbar, die Leute komplett vom sozialen Leben abzukapseln. Ich will nicht schuld sein, wenn ihnen wichtige Dinge auf der Welt entgehen“, führte der 42-Jährige an und setzte mit beißendem Spott drauf, dass er damit nicht Flüchtlingsdramen, Syrien oder die Ukraine meine. Viel schlimmer sei es, wenn die Gitti aus dem Pilates-Kurs beim neuen Italiener Tortellini mit Schinken-Sahne-Sauce esse und keiner dafür den hochgestreckten Daumen anklickt. Dann würden die Nudel kalt, weil Gitti sich vereinsamt frage, wieso sie denn niemand „liked“.

Mit der „Nomophobie“ sei schon ein Name für jene Krankheit gefunden worden, die ausbricht, wenn Menschen Angst hätten, nicht erreichbar zu sein. Laut Moderator und Comedian bestünden gute Chancen, sich mit der Erklärung: „Ich war drei Tage lang in einem Funkloch“, krank schreiben zu lassen. Das Publikum durfte daraufhin nachdenken, inwieweit der Titel von Scherers Programm „Dumm klickt gut“ stimmt und ob die moderne Technik die Dämlichkeit der Menschen ausrottet oder eher noch vermehrt.

Quelle: op-online.de

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