Jugendamt schreitet öfter ein

Darmstadt-Dieburg (st) ‐ Das Jugendamt muss immer öfter einschreiten: Allein vom 1. Januar bis 24. August hat die Behörde des Landkreises 64 junge Menschen in Obhut genommen - zehn mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum.

Gründe: überforderte Eltern, Vernachlässigung, Misshandlung und sexuelle Gewalt in den Familien.

Menschliche Tragödien auf der einen, großer finanzieller Aufwand auf der anderen Seite: Die Kosten für diese Schutzmaßnahmen klettern in diesem Jahr voraussichtlich um rund 600 000 auf mehr als eine Million Euro. Denn an die Soforthilfe schließen sich meistens ambulante oder stationäre Jugendhilfen an.

Mit diesen Zahlen liegt Darmstadt-Dieburg im Landes- beziehungsweise Bundestrend. Zwischen 2000 und 2007 ist in Hessen die Zahl der gerichtlichen Maßnahmen zum zeitweisen oder vollständigen Entzug der elterlichen Sorge um 43 Prozent gestiegen. Im Jahr 2008 gab es dann gegenüber 2007 nochmals eine kräftige Steigerung um 31 Prozent.

Dies belegt, dass Jugendämter nicht übervorsichtig agieren, sondern dass hinter den Schutzmaßnahmen auch gerichtlich bestätigte, gravierende Notlagen stehen“, sagt Landrat Klaus Peter Schellhaas. Beim Kreisjugendamt sind 34 Personen in fünf Teams mit der sensiblen Aufgabe der Inobhutnahme betraut.

Wie gravierend die Fälle sein können, zeigen ein paar Beispiele aus dem Landkreis. So mussten drei Mädchen im Alter von zwei, fünf und acht Jahren aus der Familie geholt werden, weil auf einem Handy Fotos von sexueller Gewalt des Stiefvaters an einem der Mädchen sichergestellt wurden. Das Kind wurde mit einem schweren Trauma in einer Kinderklinik behandelt, alle drei Schwestern sind in einer Bereitschaftspflegestelle untergebracht. Beide Eltern sind in U-Haft.

Grund für Schutzmaßnahmen sind auch oft psychisch kranke Mütter

So trennte die Erziehungshilfe von Mai bis Juni in insgesamt vier Fällen vier Babys und ein Kleinkind von ihren Müttern, weil diese entweder unter dem Borderline-Syndrom oder anderen gravierenden psychischen Erkrankungen leiden.

Trennungsanlass kann auch eine total verwahrloste Wohnung sein, in der völlig überforderte Eltern ihre Kinder nur mangelhaft ernähren und versorgen. In diesem Fall wurde die Erziehungshilfe des Kreises durch Mitarbeiterinnen einer Kindertagesstätte im Rahmen der so genannten Paragraf-8-A-Regelung informiert. Dieser Paragraf verpflichtet auch Kindertagesstätten, den Schutzauftrag in gleicher Weise wahrzunehmen wie das Jugendamt. Dies bedeutet, dass die Mitarbeiterinnen bei Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung, unterstützt durch vom Kreis finanzierte erfahrene Fachkräfte des Kinderschutzbundes, eine Risikoeinschätzung vornehmen und wenn Hilfsangebote an die Eltern nicht zum Erfolg führen, eine Meldung an das Jugendamt machen.

Die Steigerung der Fallzahlen ist zwar bedrückend, doch sie zeigt auch, dass die Maßnahmen zur Aufdeckung von Vernachlässigungen und Misshandlungen greifen“, sagt Landrat Klaus Peter Schellhaas. Die Bürger seien sensibler geworden und würden sich an die Behörden wenden.

Quelle: op-online.de

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