Lothar Bergmann zweigt Werke im Atelier Gottstein

Keine Sauerei, sondern Kunst

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"Mysterium Weib“ heißt dieses Kunstwerk von Lothar Bergmann

Babenhausen - Frauenverachtend und sexistisch? Im Atelier von Gudrun J. Gottstein konnten sich Besucher nun selbst ein Bild von den Werken des Künstlers Lothar Bergmann machen. Von Michael Just

Den meisten Besuchern, die es am Wochenende ins Atelier Gottstein zog, ging es nicht unbedingt um das handwerkliche Geschick des Künstlers Lothar Bergmann. Der Antrieb lag darin, einem vermeintlichen Skandal auf den Grund zu gehen. Dieser war durch die geplatzte Ausstellung Bergmanns im Babenhäuser Rathaus zustande gekommen, verbunden mit dem Vorwurf, dass ein Teil der Bilder des 62-jährigen Reinheimers frauenverachtend und sexistisch seien. Die Vernissage brachte nun ein völlig anderes Meinungsbild zutage – vor allem bei den weiblichen Beobachterinnen, deren Ansicht in erster Linie gefragt war. „Für meine Person lässt sich nichts Anstößiges entdecken“, sagte eine ältere Dame. „Ich dachte, mich erwarten hier Sauereien. Die fand ich aber nicht“, bilanzierte eine andere. Dem fügte ein männlicher Besucher hinzu: „Die Gender-Bewegung und ein übersteigerter Feminismus, die immer und überall eine Diskriminierung der Frau ausmachen wollen, kommen in diesem Fall als ziemliche Groteske daher.“

Was ging der Diskussion voraus? Bergmann durfte seine Werke im Rathaus präsentieren. Beim Aufhängen stuften vor allem Rathausmitarbeiterinnen einige Bilder von „provokant“ bis „potenziell frauenfeindlich“ ein. Einige bereits an der Wand befindlichen Werke wurden eigenmächtig abgehängt. Eines sogar mit der bemalten Seite nach unten gelegt, was zu Beschädigungen hätte führen können. Die Diskussion darüber eskalierte derart, dass Bergmann die Ausstellung absagte. Die Babenhäuser Künstlerin Gudrun Gottstein bot daraufhin dem Kollegen an, die Schau – als „deutliches Zeichen für Kunstfreiheit und gegen Zensur“ – in ihrem Atelier zu zeigen.

Im Atelier Gottstein zeigte Lothar Bergmann (Zweiter von rechts) an drei Tagen nun seine umstrittene Ausstellung, die im Rathaus nicht zustande kam.

An drei Tagen waren nun rund 25 Werke Bergmanns in der Spessartstraße zu sehen. Darunter „harmlose“ Portraits von Frau und Tochter, Motive aus der Natur, aber auch Werke mit sozialkritischem Inhalt, wie das Bild „Nutten raus“. Darin steigt eine leicht bekleidete Frau aus einem Fenster, um ihrer Lage zu entfliehen. Mit dem Gemälde verbindet Bergmann die Frage, ob die Rückkehr von Prostituierten in die Gesellschaft wirklich willkommen sei. Ein nackter Busen ist auf dem Bild „Mysterium Weib“ zu sehen. Hier liegt eine Schönheit verführerisch auf dem Tisch und wird von einer Männerrunde, zum Teil mit Lupe, bestaunt. „Männer können das Mysterium Frau nicht ergründen. Unter ihrer Oberfläche bleibt sie ein Rätsel bezüglich Schönheit und Verführungskraft“, erklärt Bergmann die dazugehörige Botschaft.

Den Rathausmitarbeitern war diese Interpretation und auch die Freiheit von Kunst wohl einerlei. Die Motive passten für sie einfach nicht neben Amtsstuben. Vor allem Sabine Gottstein, die Tochter von Gudrun J. Gottstein, fand zu dieser Haltung in ihrer Eröffnungsrede deutliche Worte. Wie sie einleitend sagte, tauge der Fall Bergmann – trotz der Kunstfreiheit im Grundgesetz – nicht für die Gerichte, da das Babenhäuser Rathaus lediglich von seinem Hausrecht Gebrauch machte. Aber: „Die Verwaltung hält die Bürger wohl für nicht in der Lage, Satire zu erkennen und mit schwierigen Themen umzugehen.“ Dem mündigen Bürger sollte in modernen Zeiten etwas mehr zugetraut werden. Einerseits sehe sich die Stadt als großer Kunstförderer, auf der anderen Seite wolle man aber nur genehme Arbeiten ausstellen. Das passe nicht überein. „Ich wünsche mir von einer Stadt, die proklamiert, dass hier Kunst stattfindet, dass sie die Zumutungen der Kunst zulässt, Unbequemes zeigt, Probleme offen thematisiert, Diskussionen zulässt und auch mal für Kunst in die Kontroverse geht“, formulierte Gottstein. Sabine Gottstein dankte Bergmann, dass dieser, trotz der „Verwerfungen“, Babenhausen nicht gleich den Rücken gekehrt habe. Dem schloss sich noch ein Besucher mit einem weiteren, heiter bis sarkastisch gemeinten, Dankeschön an: „Herr Bergmann gebührt wirklich Verbundenheit. Schließlich hat Babenhausen lange auf seinen ersten Kunstskandal warten müssen.“

Bilder: Nackte Brüste gegen Sexismus

Quelle: op-online.de

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