Anzahl der Arten wird zunehmen

Klimawandel sorgt für Ansiedlung unüblicher Fledermaus-Typen

Langstadt - 29 Fledermausarten gibt es in Deutschland. Doch wie viele davon flattern in der hiesigen Gegend? Der Nabu Langstadt ging der Frage nach. Von Michael Just 

Dirk Alexander Diehl gilt als ausgewiesener Fledermausexperte. Er hat sich intensiv mit den nachtaktiven Flugkünstlern in seinem Ort Langstadt beschäftigt: Seit Jahren interessiert sich der Vorsitzende des lokalen Nabu für die Säuger und kann anhand seiner Beobachtungen die Frage nach der Zahl der Fledermausarten exakt beantworten: Elf hat er im Babenhäuser Stadtteil ausgemacht.

Wurden bis 1980 nur vier Arten in Langstadt beobachtet, wies Diehl von da an bis heute weitere sieben Arten nach – und erhöhte die Zahl damit auf elf. Darunter ist die Zweifarbfledermaus, die kleine Bartfledermaus oder die Mopsfledermaus, die den Namen durch ihre mopsartige Schnauze erhielt. Sie ist besonders schwierig aufzuspüren, da sie marode Bauten bevorzugt oder sich im Wald hinter Baumrinde versteckt. Auch am Nachweis der derzeit 17 Arten im Landkreis war Diehl beteiligt. Der Naturschützer geht davon aus, dass diese Zahl noch steigt. Das begründet er mit dem Klimawandel, der südliche Spezies nach Norden treibt: „An der Bergstraße wurde schon eine Art gefunden, die eigentlich in den Alpen zu Hause ist.“

Fledermäuse sind das Lieblingsthema von Dirk Alexander Diehl. Der Vorsitzende der Nabu-Ortsgruppe gab einen Abriss über die Entwicklung bei den heimischen Arten.

Diehl teilte einem Auditorium beim jüngsten Vortragsabend des Nabu Langstadt im alten Rathaus die Zahlen mit. Sein Thema: „Es flattert was vom Scheunentor – Neues von den heimischen Fledermäusen“. In seinem Vortrag stieg Diehl tief in die Evolution ein: So existieren aus der Grube Messel Funde, die 50 Millionen Jahre alt sind. Sie zeigen, dass sich die Tiere im Laufe der Zeit nur minimal verändert haben. Weitere Infos folgten über Körpermerkmale wie Zähne, die verschiedenen Lebensräume, Aufzucht der Jungen, Schutzbemühungen oder wissenschaftliche Untersuchungen, zu denen der Einsatz von Fangnetzen oder Mini-Peilsendern auf den kleinen, haarigen Rücken gehört. Mit den gewonnenen Telemetriedaten lassen sich die Jagdgebiete nachweisen. Des Weiteren stellte Diehl spezielle Arten, wie das große Mausohr oder die Zwergfledermaus, vor. Laut dem Referenten hat die industrielle Entwicklung Deutschlands und der Einsatz von Chemie im letzten Jahrhundert den scheuen Flughaut-Trägern schwer zugesetzt. Erst ab den 1990er Jah- ren sei eine Erholung eingetreten. Die habe leider nicht mehr die Rückkehr des Gro-ßen Mausohrs in die Lang-

städter Kirche bewirkt, wo zuvor Wochenstuben existierten. „Die DDT-Bekämpfung von Maikäfern, die in Babenhausen sehr intensiv war, ist wohl der Hauptgrund für die Ausdünnung“, vermutet Diehl. Obwohl DDT schon 1973 verboten wurde, hätten die Tiere das Gift in der Muttermilch weitergegeben. Dieses sei noch Jahre später in den Körpern nachgewiesen worden. Das Große Mausohr residierte einst in 16 Kirchen im Altkreis, heute nur noch in zwei. Eine dritte Population befindet sich gerade im Wiederaufbau. Die Art kann bis zu 40 Maikäfer in einer Nacht verdrücken. Die Menge ist möglich, weil die Tiere relativ schnell verdauen.

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Vor allem der Kot ist es, der dem Aufspüren von Fledermäusen eine besondere Bedeutung zukommt. Ohne diese Hinterlassenschaften würden sie in ihren Verstecken, zu denen Spalten und offene Bereiche hinter Platten und Blenden gehören (wie beim Hochhaus im Erloch), relativ unbemerkt von den Menschen leben. Wer die Gäste entdeckt und bereit ist, sie zu schützen, kann vom Nabu die Plakette „Fledermausfreundliches Haus“ erhalten.

„Damit geht auch eine Selbstverpflichtung einher, bei Umbauten die Belange der Tiere zu berücksichtigen“, weiß Diehl. Das gelte vor allem beim Anbringen moderner Dämmungen, die keine Unterschlupfmöglichkeiten mehr lassen. Der Schutz der kleinen Säuger schließt für den Langstädter auch die Rettung verletzter Tiere ein. In der Vergangenheit hat er schon unzählige zu ihm gebrachter Gäste wieder aufgepäppelt – inklusive Jungtiere, bei denen die Mütter verunglückten. In solchen Fällen werden die Kleinen von den Artgenossen in den Wochenstuben nicht mitversorgt. Hier kommt Diehl regelmäßig die Rolle des Ersatzvaters mit Hundewelpenmilch zu. Der selbstständige Diplom-Biologe hat sich mittlerweile an die strapaziöse Arbeit gewöhnt, alle zwei Stunden zum Füttern bereitzustehen.

Quelle: op-online.de

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