Kreiskliniken fürchten gravierende Einschnitte durch Reform 

Weniger Geld für mehr Leistung?

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Die Weißen lassen die grünen Ballons mit den roten Karten frei. Damit ist die „aktive Mittagspause“ beendet.

Darmstadt-Dieburg - Auf dem ehemaligen Hubschrauberlandeplatz vor der Kreisklinik stiegen gestern keine Helikopter auf, dafür aber andere Flugobjekte. Sie kündeten vom Protest gegen das Krankenhausstrukturgesetz.

Grüne Ballons, weiße Kittel, rote Postkarten: Das Farbarrangement wirkt italienisch. Rund 70 Mitarbeiter der Kreisklinik in Groß-Umstadt haben sich um 12 Uhr zur „aktiven Mittagspause“ vor dem Haupteingang versammelt, um gegen die jüngsten Pläne aus Berlin zur Dämpfung der Kosten in den deutschen Krankenhäusern zu protestieren. Redner dieser Kundgebung ist Landrat Klaus Peter Schellhaas, der bei seinem Amtsantritt vor knapp sechs Jahren das Thema Gesundheitsversorgung zur Chefsache gemacht hat.

In diesen sechs Jahren ist viel geschehen, sind beide Standorte in Groß-Umstadt und Seeheim-Jugenheim grundlegend umstrukturiert worden. Für Groß-Umstadt steht noch ein großer Umbau aus, bei dem das gegenwärtige Bettenhochhaus durch einen deutlich mehr in die Breite gehenden Bau ersetzt werden soll, „der sich wegen des Wegfalls der Wartezeiten vor den Aufzügen und insgesamt kürzeren Wegen rentabler betreiben lässt“, so Christian Keller als Geschäftsführer der Kreiskrankenhäuser später in einem kurzen Pressegespräch.

Die Kreiskrankenhäuser schienen auf einem guten Weg, und zeitweise wiesen die Bilanzen sogar schwarze Zahlen aus, was im stationären Gesundheitswesen ja keineswegs selbstverständlich ist. An diese Erfolge knüpft Kundgebungsredner Schellhaas an und prophezeit, dass viel Erreichtes nicht nur in Frage gestellt, sondern zerstört wird, wenn die Reform so kommt, wie der Entwurf derzeit aussieht. „Nach gegenwärtigem Stand würden den Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg in den Jahren 2017 bis 2021 rund sechs Millionen Euro an Erlösen gekürzt – obwohl wir die damit verbunden Leistungen weiterhin voll erbringen“, heißt es in der Pressemitteilung der Klinken zum Thema.

Da sind zum Beispiel die so genannten „Mehrleistungsabschläge“. Viele Krankenhäuser reagieren auf ihre angespannte wirtschaftliche Lage, aber auch auf die demografische Veränderung der Kundschaft mit einer Ausdehnung des Leistungsspektrums, „für das es ja auch eine Nachfrage gibt“, so Keller. Das sucht der Gesetzgeber in Berlin durch eine Art „Strafmalus“ einzudämmen. Dann ist da ein Begriff, über den sich Schellhaas ungewöhnlich heftig aufregt: die Fixkosten-Degressionsabschläge, an denen künftig auch die Kassen herumschrauben dürfen sollen. Es handelt sich um eine mit finanziellem Schmerzfaktor untermauerte Aufforderung zu weiteren Rationalisierungen.

Der „Katalog der Grausamkeiten“ ist noch länger. Was, wenn das alles so kommt wie geplant? „Ich weiß nicht, wie wir hier bis 2021 sechs Millionen Euro einsparen sollen“, so Keller. „Wir haben die Sachkosten schon deutlich optimiert, die Personalkosten auch. Der Bettenhaus-Neubau ist ein weiterer Schritt. Um den Vorgaben des Gesetzesentwurfs zu genügen, müsste ich eigentlich 40 von 900 Vollzeit-Stellen abbauen.“

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Das gehe aber nicht, weil die Klinik jetzt schon am Limit arbeite und für Groß-Umstadt einen Versorgungsauftrag mit 24-Stunden-Bereitschaft in Notfall-Ambulanz und -chirurgie habe. Der Entwurf zeige bereits jetzt Auswirkungen. „Wir wollten eigentlich die Zahl der Betten in unserer Geriatrie von 46 auf 60 erhöhen, denn vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung gibt es zweistellige Wachstumsprognosen für den Bedarf. Wenn das aber mit Mehrleistungs-Abschlägen bedroht wird, muss die Kreispolitik diskutieren, ob eine solche Ausweitung wirtschaftlich überhaupt noch möglich ist“, so Keller.

Am Ende lassen die Weißen die grünen Ballons mit den roten Karten frei. Damit ist die „aktive Mittagspause“ beendet. (sr)

Quelle: op-online.de

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