Viele „schabten“ an Puppen

Rundgang führt zu Wirkungsstätten ehemaliger Celluloidwarenfabrik

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Der Cellba-Rundgang mit Ine Reichart (vorn) führte die Teilnehmer auch an die Stadtmühle. An einem Gebäude nahe des Anwesens ist das Familienwappen der Schöberls zu finden.

Babenhausen - Dem Zeichen der Nixe, Erkennungsmerkmal der Cellba-Puppen und damit den Spuren der Fabrikantenfamilie Schöberl folgten die Teilnehmer eines verregneten Rundgangs durch die Altstadt unter der Führung von Ine Reichart. Von Petra Grimm 

Stationen, die irgendwie mit Cellba in Zusammenhang standen, waren am Samstagnachmittag Ziel eines informativen Rundganges: die Stadtmühle, das Burgmannenhaus und die Ausstellung im Territorialmuseum. An der Puppenvitrine im I-Punkt des Rathauses startete die Tour, bei der allerhand über die Puppenproduktion und die Inhaber und Geschichte der Celluloidwarenfabrik Babenhausen (Cellba) zu erfahren war. Von 1924 bis 1966 wurden in der Fabrik am Ostheimer Weg Spielwaren, vor allem Puppen, produziert, die weltweit exportiert wurden. Bereits vor dem Krieg fanden hier über 100 Menschen Arbeit. Aus fast jeder Babenhäuser Familie und auch aus den umliegenden Dörfern ging jemand „in die Bobbe“.

„Viele Arbeitsschritte wurden von Frauen in Heimarbeit erledigt“, sagte Ine Reichart. Erinnerungsspuren finden sich auch heute noch in vielen Familien, 50 Jahre nach der Schließung des Betriebs, dessen Produktionsstätten vom amerikanischen Großkonzern Mattel übernommen wurden. An Erzählungen ihres Großvaters, der in dem mit heißem Dampf gefüllten Blashaus gearbeitet hat in dem die Puppen ihre Form erhielten, erinnert sich Rundgangsteilnehmerin Lieselotte Pernecker noch. Auch ihre Mutter habe sowohl in der Fabrik als auch in Heimarbeit die bei der Produktion entstehenden Nähte an den Puppen „geschabt“. „Ich selbst habe als Schulkind bei der Heimarbeit mitgeholfen“, so Pernecker. Sie habe die Baströckchen bei den sogenannten „Negerpüppchen“ geflochten. Die Erinnerungen in ihrer Familie an die Zeit in der Cellba sei immer positiv gewesen, erzählt sie. Man habe sich dort gut behandelt und aufgehoben gefühlt. Jeder habe jeden gekannt.

„Bevor ich mich mit dem Thema so eingehend beschäftigt habe, war mir gar nicht so klar, dass Puppen Zeitgeschichte mitteilen“, sagte Ine Reichart, die gemeinsam mit Georg Wittenberger intensiv über dieses Kapitel Stadt- und Industriegeschichte geforscht hat. Im Namen des Heimat- und Geschichtsvereins sind dann 2010 zwei empfehlenswerte Bücher unter den Titel „Im Zeichen der Nixe“ erschienen, wobei sich Wittenberger für seinen Band als Schwerpunkt die Familie Schöberl und Reichart die Puppenproduktion ausgewählt haben.

Das Markenzeichen, die Nixe im Nacken der Puppen, ist an das Familienwappen des Firmengründers Heinrich Schöberl angelehnt. Der „Baurat“, wie er allgemein genannt wurde, kaufte 1923 die Stadtmühle mit Elektrizitätswerk. So führte die Tour zur Stadtmühle, die von der Fabrikantenfamilie auch bewohnt wurde. Hier ist an einem Wohngebäude vom Innenhof aus gut sichtbar das Schöberl’sche Wappen zu sehen. Die Rundgangsteilnehmer stapften auch gemeinsam um die Mühle herum, um an einer Außenwand die Cellba-Nixe zu finden. 1988 kaufte die Stadt den Mühlenkomplex, der aufwändig zum Bürgerzentrum umgebaut wurde.

Das an einem Gebäude an der Stadtmühle angebrachte Wappen der Familie Schöberl mit der Nixe, die dann auch im Nacken der Cellba-Puppen zu finden war.

Weiter ging es zum Burgmannenhaus, „das von Baurat Schöberl gekauft und während des Krieges auch von der Familie bewohnt wurde“, so Reichart. Auch hier ist an einem Nebengebäude das Nixen-Zeichen zu entdecken. Das Burgmannenhaus ist auf tragische Weise mit der Geschichte einer anderen Familie verbunden. Der Bildhauer Karl Gansler, der als Modelleur mit seinen zahlreichen Puppenentwürfen zum Erfolg der Cellba beigetragen hat, hatte bis 1962 in einem Anbau sein Atelier. Seine Tochter Sonja , die ihm als Kind oft Modell stand und dadurch vielen Puppen ihr Gesicht lieh, wurde beim Bombenangriff auf die Stadt am 24. Dezember 1944 von Bombensplittern getroffen und erlag einige Tage später ihren schweren Verletzungen. Gemeinsam mit ihrer Mutter und anderen Babenhäusern hatte die 17-Jährige vergebens Schutz im Keller des Burgmannenhauses gesucht.

Die Villa Rosenhof, die sich noch auf dem früheren Firmengelände befindet und als Wohnhaus und Bürogebäude diente, war wegen des starken Regens nicht Bestandteil der Führung. Ine Reichart zeigte einige Fotos des denkmalgeschützten, inzwischen heruntergekommenen Gebäudes aus dem Jahr 1816. „Von den früheren Fabrikgebäuden ist eigentlich nichts mehr übrig. Aber es gibt auf dem Gelände noch das sogenannte Loch, in dem damals die Ausschussteile versenkt wurden. Da würden wir bestimmt noch einige Ersatzteile für unsere Puppensammlung finden“, sagte Reichart, die die Spaziergangsteilnehmer zum Abschluss ins Territorialmuseum in die Sonderausstellung „Brennbar oder feuerfest – Trends bei den Cellba-Puppen in den fünfziger Jahren“ führte, die noch bis 29. Januar zu sehen ist.

Quelle: op-online.de

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