Jeden Tag ein kleines Wunder

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Und wieder gibt es einen Neubürger. Fast 1400 Geburten hat Sabine Hottner in ihrem Berufsleben bislang begleitet.

Babenhausen/Groß-Umstadt - „Das ist ein wunderschöner Beruf“, sagt Sabine Hottner. Zufrieden und erschöpft schließt sie die Tür des Kreißsaals in Groß-Umstadt. Ein neuer Erdenbürger hat das Licht der Welt erblickt – und sie hat maßgeblich dazu beigetragen. Von Stefan Scharkopf 

Die Babenhäuserin ist Hebamme an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Kreiskliniken Darmstadt-Dieburg und hat soeben Helena geholfen, ihr Baby auf die Welt zu bringen. „Als Beleg-Hebamme betreut man eine werdende Mutter durch die Schwangerschaft, das Wochenbett oder auch nur während der anstrengenden und aufreibenden Zeit der Wehen. Jede dieser Phasen bringt neue Herausforderungen mit sich. Aber die Geburt ist immer wie ein Wunder“, sagt sie. Etwa 40 Kinder pro Jahr werden mit ihrer Hilfe im Krankenhaus geboren. Da sie in Babenhausen zusammen mit zwei Kolleginnen auch eine Hebammen-Praxis betreibt, kommen weitere Neubürger hinzu. Etwa 70 junge Familien besucht sie zuhause. Selbst Mutter von drei Kindern, ist sie in Umstadt Teil eines Teams, das an 365 Tagen rund um die Uhr für Geburten zur Verfügung steht.

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Und dieses Jahr kann Sabine Hottner einen schönen Gedenktag begehen. Am 1. Mai feiert sie ihr 25. Jubiläum. „Insgesamt habe ich fast 1 400 Geburten begleitet“, erläutert sie. Bevor sie nach Groß-Umstadt kam, war sie lange Jahre an einer Klinik in Hanau. Mit der Geburt ist der Einsatz einer Hebamme freilich nicht beendet. Danach ist es ihre Aufgabe, sich um das Neugeborene zu kümmern. Wenn das Baby auf der Welt ist, wird nach kurzer Zeit die Nabelschnur durchtrennt. Oft sind es die Väter, die diese Aufgabe übernehmen wollen. Sabine Hottner bringt die Nabelklemmen an und unterstützt sie. Da das Neugeborene einen Temperatursturz von über zehn Grad erfährt und nass zur Welt kommt, bedeckt sie es schnell mit einem vorgewärmten, weichen Tuch. Sie legt das Kind auf den unbekleideten Oberkörper der Mutter und danach ein warmes Handtuch über das Neugeborene. „Dieser innige erste gemeinsame Moment reduziert den Herzschlag, die Atemfrequenz und das Schmerzempfinden der Mutter, beruhigt das Kind und stärkt die Bindung“, sagt Hottner. Bonding ist dafür der richtige Begriff.

Anschließend stellt die Hebamme den Zustand des Kindes durch den sogenannten Apgar-Test fest. Die Werte werden nach einer, fünf und zehn Minuten nach der Geburt erhoben. Anhand einer Tabelle werden Kriterien wie Atmung, Puls, Muskelaktivität, Aussehen und Reflexe bewertet. Das Kind bleibt dabei ungestört auf der Mutterbrust liegen. Mit wenigen Blicken werden die Situation eingeschätzt und die Punkte vergeben. Erst später ermittelt die Hebamme Gewicht, Länge und Kopfumfang des Kindes. Ebenso wird von ihr die erste Vorsorgeuntersuchung U1 durchgeführt. Bei allen Müttern, die stillen wollen, wird das Baby bald nach der Geburt an die Brust angelegt.

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„Als Hebamme ist das unsere wichtigste Aufgabe, die Mütter in dieser emotional aufregenden Zeit so gut wie möglich zu motivieren und zu unterstützen. Das ist eine schöne, aber manchmal auch anstrengende Aufgabe, da man viel Energie abgibt. Am Ende aber reicht ein Blick in das Gesicht der frischgebackenen Eltern und man weiß, wofür man jeden Tag diese Arbeit macht“, sagt die Hebamme. „Auch in den ersten Tagen nach der Geburt werden die jungen Familien von unserem Team der Wochenstation unterstützt.“ Hand in Hand arbeiten die Hebammen mit den Schwestern der Station zusammen, wobei eine ruhige und private Atmosphäre sehr wichtig ist.

Auch in ihrem „wunderschönen Beruf“ haben die Hebammen mit Widrigkeiten zu kämpfen. Da ist zunächst die politische Seite: Zwischen 2002 und 2012 haben sich die Preise der Haftpflichtversicherer knapp verzehnfacht. Von 453 auf 4 242 Euro im Jahr. Ab Juli 2015 sind es über 6000 Euro. Bei einem Durchschnittsstundenlohn von netto 8,50 Euro ist das für viele kaum zu schaffen. Noch immer wird mit der Politik und den GKV-Spitzenverbänden um eine Lösung der Versicherungsfragen gerungen. „Der Hebammenberuf ist akut bedroht“, sagt Sabine Hottner. Zum anderen müssen die Geburtshelfer auch gegen die Informations-Flut aus dem Internet ankämpfen. „Im Netz kursieren jede Menge Aussagen zu Schwangerschaft und Geburt. Viele Frauen lassen sich dadurch auch Angst einjagen. Unsere Aufgabe ist es, dass sich Mütter wieder mehr auf ihr Bauchgefühl verlassen“, sagt Hottner, „Kinderkriegen ist schließlich die natürlichste Sache der Welt.“

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Quelle: op-online.de

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