Philipp Wissel hält „Lengschdern“ Spiegel vor

Mit „Seemannsköpper“ in den Löschteich

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Mit Zylinder und heiserer Stimme hielt Kerbvadder Philipp Wissel die Kerbrede.

Babenhausen - Wenn die Kerb bereits zwei volle Tage und vor allem Nächte auf dem Buckel hat, sind Schwankungen in der Stimmlage ganz normal. Erst recht ein Kerbvadder, der besonders kräftig gefeiert haben dürfte, ist davor nicht gefeit. Von Jens Dörr

Ziemlich heiser klang der Lengschder Kerbvadder Philipp Wissel, als er am Montagnachmittag vor etwa 300 Zuhörern seine Kerbrede im Festzelt auf dem Feuer wehrplatz vortrug. Zwei Tage Fete lagen da schon hinter ihm, den sechs Kerbburschen und Sara Schildbach, dem einzigen Kerbmädel. Bereits für Samstag und Sonntag hatten die „Freunde der Kerb“ bei optimalem Spätsommerwetter eingeladen, und mehrere hundert Langstädter folgten. Musikalisch hatten die beiden ersten Tage zwischen Rock- und Blasmusik geschwankt, kulinarisch mit Bratwürsten auf einen Klassiker gesetzt, ehe das Küchenteam der Feuerwehr am Montag ab dem Frühschoppen sogar mit Haspel, Braten, Kümmelbauch und später mit einem großen Kuchenbuffet verwöhnte.

Vom Feiern am Wochenende waren also Wissel und seine Mitstreiter noch am Montag ziemlich gezeichnet, als sie mit Kerbpuppe Hans-Günter zum Kerblied ins Zelt einzogen. Nachdem Gerhard Pfeifer, der „Singende Landwirt“, am Keyboard verstummt war, quälte Wissel seine Stimmbänder noch einmal zu solidem akustischen Output. Nur als er zwischendurch mit Gesang die „Fröhlichen Lengschder überall“ („Auf dem Mars, auf dem Mond – überall ein Lengschder wohnt“) vermeldete, versagte sein Organ teilweise den Dienst.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Kerbvadder so allerlei Amüsantes und nett Gereimtes aus den vergangenen zwölf Monaten im Babenhäuser Stadtteil preisgegeben – inklusive der Namen jener, die das ein oder andere verbockt hatten. So ein Kamerad, der per Seemannsköpper in den Löschteich der Feuerwehr gesprungen war und sich dabei natürlich den Kopf angeschlagen hatte. Auch diverse Irrfahrten zogen sich durch die Rede: So jene einer Langstädterin, die wohl nicht ganz nüchtern im Graben landete, oder die des mobilen Fan-Shops des SV Darmstadt 98, der in Babenhausen herumirrte und den Weg zum Freundschaftsspiel der Lilien beim Turn- und Sportverein nicht fand. Ein TSV-Spieler staunte nach der Partie nicht schlecht, als sein von einem der Profis erbeutetes Darmstadt-Trikot schon nach der ersten Wäsche die Beflockung verlor.

Kerb in Harpertshausen

Die Lacher auf seiner Seite hatte Wissel auch bei einer Anekdote, die ein Langstädter Kuhhalter produzierte. „Er scheut keine Kosten und Müh - und käft nur es beste Futter für seine Küh“, berichtete der Kerbvadder. Den Lieferanten wollte der Landwirt mit seinem Lkw indes nicht auf den eigenen Hof lassen, weshalb der Futterüberbringer meterlange Rohre für die Befüllung des Stalls zusammensteckte. Deren Länge reichte gerade so nicht aus: Der Landwirt blieb stur und der Lkw durfte nicht näher heranfahren, der Lieferant absolvierte so eine Extratour nach Hanau und zurück, um das fehlende Rohr zu holen. „Ob Sommer oder Winter - der Fahrer fährt sicher nicht mehr zum Monaths Ginter“, verriet Wissel schließlich jenen, die sich die großen Sorgen um den Zustand seines Hofs gemacht hatten.

Auch Paralympics-Sieger und Handbiker Vico Merklein sowie eine fragwürdige Gesangsdarbietung zum Partnerschaftsjubiläum mit Trebesing ließ der Kerbvadder nicht unerwähnt. Seiner Rede vorausgeschickt hatte er sein Bedauern darüber, dass es in Langstadt zwar „so viele schöne junge Leut’“ gebe, nur ein kleiner Teil von ihnen aber als Kerbbursche oder -mädel zur Verfügung gestanden habe. Gestern Abend endete die Langstädter Kerb bei der Feuerwehr mit der Verbrennung von Hans-Günter, der vor aller Augen in Flammen aufging.

Quelle: op-online.de

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