„Traditionen erhalten“

Seit 43 Jahren Ortsvorsteher: Interview mit Kurt Kratz

Harpertshausen - Nächstes Jahr stehen Kommunalwahlen an. Die Zusammensetzung des Stadtparlaments ist unter anderem für die Stadtteile von Bedeutung. Für sie gilt es, darin ihre Interessen zu vertreten und ausreichend Gehör zu finden.

In einer Sommerserie unterhalten wir uns mit den verschiedenen Ortsvorstehern, wie es um ihren Stadtteil bestellt ist. Dabei kommt auch Persönliches nicht zu kurz. Mit Kurt Kratz, Ortsvorsteher in Harpertshausen, hat unser Mitarbeiter Michael Just gesprochen.

Sie sind jetzt seit sage und schreibe 43 Jahren Ortsvorsteher. Gibt es in Hessen jemand, der das länger macht?

Das wüsste ich auch gerne. Vermutlich nicht. Es geht ja nicht nur darum, das Amt machen zu wollen, sondern kontinuierlich wiedergewählt zu werden.

Wie viele Bürgermeister haben sie in Babenhausen erlebt?

Mit den Namen Willand, Schäfer, Lambert, Rupprecht, Coutandin und jetzt Achim Knoke sind das sechs.

Sie waren sogar an Historischem beteiligt...

Als stellvertretender Bürgermeister von Harpertshausen habe ich 1972 den Grenzänderungsvertrag mitunterschrieben. Damals verlor der Ort die Eigenständigkeit und kam zu Babenhausen. In den Stadtteilen wird das bis heute nicht nur positiv gesehen. Im Zuge der damaligen Zeit war das angebracht. Man hätte bestimmte Dinge anders machen können, aber im Großen und Ganzen sehe ich keine großen Nachteile, die für Harpertshausen entstanden sind. Die Ortsbeiräte haben eine empfehlende Funktion. Für meinen Teil kann ich sagen, dass die in der Mehrzahl Gewicht hatte.

Nur in einem Fall nicht. Und der lag Ihnen besonders am Herzen.

Ja, das alte Schulhaus. Ich war gegen den jüngsten Verkauf und bedaure das, auch weil darin der Kindergarten untergebracht ist. Aber die Stadt kann die Sanierung von 500 000 Euro nicht stemmen. Die notwendigen Arbeiten wurden jahrelang unter verschiedenen Bürgermeistern von mir angemahnt. Außer dem Kassieren von Mieteinnahmen passierte nichts. Jetzt waren die Kosten so hoch, dass nur noch der Verkauf half. Auch wenn der neue Besitzer Vorgaben für den Kindergarten hat, stimmt es traurig, dass das alte Schulhaus nicht mehr in öffentlicher Hand ist.

Trotzdem kann sich die Liste der Errungenschaften in Ihrer Amtszeit sehen lassen. Was gehört alles dazu?

In den den 70er Jahren die Fertigstellung des Kanal- und Straßenbaus, im Anschluss der Bau des DRK-Heims, das auch Bürgerhaus ist, die Friedhofshalle, das Feuerwehrhaus, das Kinderschwimmbad oder jüngst der Kirchplatz gehören dazu. Des weiteren die Spielplätze oder das Setzen von 150 Kommunion- und Konfirmandenbäumchen.

Wie interessant ist Harpertshausen für Neubürger?

Durch die Erweiterung des Dietwegs sind 25 neue Häuser entstanden und junge Familien hergekommen. Das war eine wichtige dörfliche Belebung, dazu gliedern sich die Häuser hervorragend in die Ortseinfahrt von Langstadt ein. Am Kirchweg sind weitere sechs Bauplätze vorgesehen. Für einen kleinen Stadtteil ist es wichtiger als für einen großen, neue Bauplätze zu bekommen. Harpertshausen würde schon deshalb gerne wachsen, um einer Vergreisung vorzubeugen. Dafür gibt es aber viele Abhängigkeiten, wie die Regionalplanung oder den Flächennutzungsplan.

Sie sagen, die Belebung der alten Ortskerne ist mitentscheidend für eine positive Bevölkerungsentwicklung.

Der macht den Charakter eines Dorfes aus und ist bedeutend für die Wahl des Wohnorts. Deshalb sollten keine Gebäude im alten Ortskern leerstehen und Bürgern bei der Sanierung von Altbauten von vielen Seiten geholfen werden. Auch der neue, grüne Kirchplatz in Harpertshausen ist eine gelungene Maßnahme zur Ortskernbelebung. Es ist wichtig, dass Dörfer lebenswert bleiben.

Was wären wichtige Zukunftsprojekte für den Ort?

Mit geht es gar nicht um so viel neues. Fast genauso wichtig ist die Erhaltung von Dingen. Dazu zählt das DRK-Heim, das Kinderschwimmbad, der kleine Einkaufsladen oder dass der Kindergarten im Ort bleibt. Der Hort ist für die Eingliederung von Neubürgern von großer Bedeutung. Die Weiterführung der Kultur, wie Kerb oder Grenzgang, gehören ebenfalls dazu. Der Bestand der Traditionen wäre ein großer Herzenswunsch von mir.

Bürgermeister und Landräte aus der Region

Ihre Wahlergebnisse in der Vergangenheit waren teilweise mit 70 bis 80 Prozent sensationell. Das warf immer die Frage auf, ist Harpertshausen so rot oder steht der Ort komplett hinter ihnen?

Zum Großteil dürfte das schon eine Persönlichkeitswahl gewesen sein. Ich hatte auf der Liste alleine oft soviel Stimmen wie die Kandidaten der zweitgrößten Volkspartei zusammen. Die Harpertshäuser vertrauen mir scheinbar. Das hat auch was mit Seriösität zu tun. Ich halte, was ich verspreche, und sage immer klar, was geht und was nicht.

Mit 75 Jahren stellen Sie sich nun nicht mehr zur Wahl.

In diesem Alter ist es Zeit für die politische Rente. Ich werde auch nicht auf eine Liste gehen, mich nach vorne wählen lassen und dann zurücktreten. Das ist nicht meine Art.

Wo wird man Sie künftig sehen?

Ich mache noch das Ortsgericht, bin bei der Jagdgenossenschaft und werde die Feste im Ort unterstützen. Die freie Zeit werde ich mit meinen Enkel, im Garten, dem Rad- und Skifahren nutzen.

Quelle: op-online.de

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