Die Freiheit der Straße ruft

Sickenhöfer Ehepaar fährt selbstgebaute Valkyrie-Motorräder

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Peter und Ruth Leirich lieben ihre Valkyrie. Sobald es draußen wieder wärmer wird, steigen sie aufs Bike.

Sickenhofen - Vor über zehn Jahren wurde die letzte Honda F6C in Deutschland verkauft. Doch die Valkyrie, wie das Modell auch genannt wird, hat noch immer eine große Fangemeinde. In Sickenhofen lebt ihre Tradition neu auf. Von Corinna Hiss 

Angefangen hat es mit einem Hobby, das schnell zur Leidenschaft und schließlich zum Beruf wurde. Mittlerweile verbirgt sich hinter dem schmucken Haus im beschaulichen Stadtteil Sickenhofen ein wahres Biker-Paradies: Sieben glänzende Motorräder bevölkern die Garage und stehlen sich mit ihren knallblauen, leuchtend roten oder grellgrünen Farben gegenseitig die Show. „Was hier zu sehen ist, ist nur der Anfang“, sagt Peter Leirich schmunzeln, „der ganze Keller ist voll mit Einzelteilen.“

Der gelernte Kfz-Mechaniker fuhr schon zu Jugendzeiten gerne Motorrad und erkannte schnell seine Vorliebe für die Marke Honda. Als dann aber die gesetzliche Helmpflicht eingeführt wurde, zog es ihn immer weniger aufs Zweirad. „Mir ging das Gefühl von Freiheit verloren“, erzählt der 61-Jährige. Diese Phase währte aber nicht lange: „Als ich zufällig auf eine Valkyrie stieß, hatte ich wieder Feuer gefangen“, so der Sickenhöfer.

Zuerst blieb es bei einem Hobby. Mit seiner Frau Ruth stieg er in die Videospielbranche ein, betrieb vom Babenhäuser Stadtteil aus einen Online-Handel. Nebenbei schraubte er in der Garage an seiner ersten eigenen Maschine herum. Als die Honda F6C Ende 2002 das letzte Mal in Deutschland verkauft wurde, stand für Leirich fest, dass es das nicht gewesen sein konnte. „Für mich gibt es kein anderes Motorrad“, sagt er leidenschaftlich.

Frau mit Fieber angesteckt

Mittlerweile hat er auch Ehefrau Ruth mit dem Fieber angesteckt. „Anders geht es auch nicht, denn die Valkyrie ist unser Leben“, sagt sie schmunzelnd. Über die vergangenen zehn Jahre hat sich das Paar ein Ersatzteillager zusammengelegt, das so in Deutschland einzigartig ist. „Da die Valkyrie nirgends mehr produziert wird, gibt es auch kein Zubehör mehr – außer bei mir“, ist Leirich stolz auf seine Sammlung. Sein Lager, in dem sich Ersatzteile und Chromzubehör befinden, hat er nun auch zum Beruf gemacht. Aus Sickenhofen gehen Bestellungen heraus, die Valkyrie-Fans auf dem gesamten Erdball beliefern.

Doch was genau ist der Reiz an einer Maschine, die technisch längst überholt ist und daher von Honda selbst gar nicht

mehr produziert wird? Für die Leichrichs ist diese Frage nicht schwer: „Die Valkyrie hat Kraft, kann schnell fahren, ist groß und dennoch leicht zu handhaben.“ Dabei geht es dem Paar nicht um Geschwindigkeit, sondern um Körpergefühl und Schwerelosigkeit. „Mit 250 Sachen auf einer geraden Strecke zu brettern, ist nicht mein Ding“, erzählt der 61-Jährige. Auf den kurvigen Straßen des Odenwalds, Spessarts oder der Rhön fühlt sich das Ehepaar hingegen viel wohler. Einige ihrer Maschinen sind so ausgebaut, dass der Tank locker Sprit für 600 Kilometer fasst und hinten genügend Stauraum für Gepäck ist – ideal also für lange Touren nach Spanien oder an den Gardasee.

Während der Wintermonate standen die Motorräder meist unbenutzt in der Garage. „Ich fahre dann nicht, mir ist es zu kalt“, sagt Ruth Leirich. Anders dagegen Ehemann Peter. Ihm machen Wind und Wetter nichts aus, nur glatte oder gestreute Straßen hindern ihn, auf den Sattel zu steigen. „Das Salz tut meiner Valkyrie nicht gut“, sagt er und streicht liebevoll über den glänzenden Lack. Die richtige Pflege vor der Winterpause haben Leirichs Maschinen allesamt erhalten: Der Benzinzusatz verhinderte, dass der Vergaser verklebt, die Batterie war am Strom angeschlossen, der Reifendruck erhöht, da er über die Monate wieder fällt und alle Schläuche mit Öl eingesprüht, damit sie schön geschmeidig bleiben. „Die richtige Pflege ist wichtig“, weiß auch Ruth Leirich. „Vor der ersten Nutzung muss dann nur noch das Sprühöl abgerieben werden und los geht’s.“

Die Valkyrie mit ihrer großen, weltweiten Fangemeinde wird in der Regel von älteren Motorradfahrern geschätzt. „Junge Leute wollen mehr Technik und mehr Schnelligkeit“, sagt der Sickenhöfer. Die sogenannten Sportler sind kleiner und billiger, die Valkyrie zählt aber zu den Cruisern. Wie der Name (zu deutsch: spazieren fahren) schon sagt, steht dabei nicht das Tempo im Vordergrund. „Wenn ich rase, muss ich mich so aufs Fahren konzentrieren, dass es keinen Spaß mehr macht“, sagt Peter Leirich, der deshalb auch wenig Verständnis dafür hat, wenn jemand die B  26 mit einer Rennbahn verwechselt.

Jetzt, wo die Temperaturen draußen wieder klettern und auch das letzte Salzkorn auf dem Asphalt verschwunden ist, bleibt der Schraubenzieher zum Tüfteln und Aufmotzen der Motorräder des Öfteren im Schrank. Die Leichrichs zieht es auf die Straße, fasziniert von dem Gefühl, einen Drei-Meter-Cruiser, dessen Zubehör schon bis zu 100 Kilogramm wiegt, fast ausschließlich durch Körperverlagerung bewegen zu können. Peter Leichrich bringt seine Begeisterung auf den Punkt: „Die Valkyrie ist das beste Sofa, das ich habe.“

Quelle: op-online.de

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