Sonja Schlösser hat Terror in Paris mitbekommen

Leben nach dem Anschlag

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Sonja Schlösser auf dem Markt in Paris.

Babenhausen/Paris - Sonja Schlösser wohnt und arbeitet in Paris. Der Lebensmittelpunkt der gebürtigen Babenhäuserin liegt in dem Viertel, in dem IS-Terroristen im November zugeschlagen hatten.

Wie sie den Abend erlebt hat und wie das öffentliche Leben vor dem Hintergrund von Terror und Ausnahmezustand derzeit verläuft, schildert sie im Interview mit OP-Redakteur Stefan Scharkopf.

Frau Schlösser, wie haben Sie den Abend der Terroranschläge erlebt? Was haben Sie mitbekommen?

Mein Freund und ich haben das Fußballspiel im Fernsehen verfolgt. Währenddessen wurden die Anschläge nicht erwähnt, aber danach gab es direkt eine Spezialsendung. Nichtsahnend sagte ich zu meinem Freund, dass sich da bestimmt wieder einige Hooligans Kämpfe in der Innenstadt geliefert hätten. Was dann folgte, übertraf diese Befürchtungen bei Weitem. Wir haben bis 3 Uhr früh Nachrichten geschaut und ich habe mit meiner Familie in Deutschland telefoniert, um durchzugeben, dass es uns allen gut geht. Beinahe wäre ich sogar mit meiner siebenjährigen Tochter im Stadion gewesen, wenn ich Zeit gefunden hätte, mich um Karten zu kümmern und wenn das Spiel nicht an einem Wochentag gewesen wäre.

Wie ist das Viertel geprägt, in dem Sie leben und arbeiten? Ihr Büro liegt ja in dem Areal, in dem die Terroristen zugeschlagen haben.

Obwohl wir etwas außerhalb wohnen, ist mein täglicher Lebensmittelpunkt mittendrin. Im gleichen Viertel wie einer der Tatorte liegt unser Büro, fünf Minuten zu Fuß ist es bis dorthin. Meine Geschäftspartnerin und unsere Angestellten wohnen alle um die Ecke, ich nehme jeden Tag die Metro am Place de la République, um unsere Jüngste in den Kindergarten zu bringen. Es gibt es viele kleine Restaurants und Bars, Büros und Firmen in Hinterhöfen, kleine Geschäfte reihen sich auf der Hauptstraße aneinander bis zur Bastille. Wenn die Terroristen das junge lebensfrohe Volk Frankreichs treffen wollten, dann haben sie in der Tat dieses Viertel gut ausgesucht.

Paris gilt als die Stadt der Leichtigkeit, des Savoir-vivre. Ist sie das derzeit noch? Der Anschlag auf Charlie Hebdo war ja schon furchtbar…

...ja, die Leichtigkeit hat etwas „Blei in den Flügeln“ bekommen, wie man hier sagt. Aber die Franzosen sind ein Volk des Widerstandes und stolz auf ihre erkämpften Freiheiten, die Grundrechte, ihre Republik. So hat sich nach den ersten Tagen des Schocks und der Trauer sehr schnell eine Wut- und Trotzreaktion breit gemacht: „Jetzt erst recht! Ihr kriegt uns nicht klein!“ An den Tatorten werden viele Blumen, Kerzen und Nachrichten niedergelegt, darunter oftmals „Même pas peur!“ Das heißt nicht nur einfach „keine Angst“, sondern „Wir hatten nicht mal Angst“. Eigentlich ein trotziger Ausspruch unter Kindern, ist es aber auch das Gefühl, dass sich mehr und mehr auch in mir breit macht, auch wenn eine gewisse Beklommenheit bleibt.

Es patroullieren derzeit mehr Polizisten und Soldaten durch Paris. Wie nehmen sie das wahr? Ist es ein beruhigendes Gefühl oder unterstreicht das eher die mögliche weitere Bedrohung?

In Paris ist man eigentlich an Polizei- oder auch Militärpräsenz gewöhnt, die abhängig vom aktuellen Geschehen verstärkt wird. Deshalb empfinde ich es eher als beruhigend und beschützend. Als ich am Montag nach den Attentaten am Place de la République war, um eine Gedenkminute einzulegen und eine Kerze anzuzünden, habe ich einem dort positionierten Polizisten „Danke!“ gesagt. Das kam spontan und von Herzen, denn die Polizisten riskieren täglich ihr Leben, um unseres zu schützen. Ich finde diesen Job unglaublich.

Fühlen Sie sich sicher?

Ich muss gestehen, dass sich sofort mein Magen zusammenkrampft, wenn ich ein außergewöhnlich großes Polizei-Aufgebot sehe, zum Beispiel im Nordbahnhof, in dem ich zweimal täglich mit meiner zweieinhalbjährigen Tochter umsteigen muss. Dann drängt sich sofort der Gedanke auf: „Die sind aus einem speziellen Grund hier, das bedeutet Gefahr.“

Schon zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit war Paris Schauplatz eines Anschlags...

Alles zu den Terroranschlägen in Paris

...aber dieses Mal ist alles anders, finde ich. Das Attentat auf Charlie Hebdo zielte auf eine definierte Gruppe, und das Volk hat sich mobilisiert, um für Redefreiheit etc. die Stimme zu erheben. Dieses Mal waren junge, lebensfreudige Menschen das Ziel – und unsere Werte. Jeder von uns ist Zielgruppe, jeder von uns hätte getroffen werden können. Es ist nicht einfach, wieder zum Tagesgeschehen überzugehen und sich zu sagen, wir machen so weiter wie bisher. Wahrscheinlich ist es eher: „Wir machen wieder so weiter wie vorher!“ Jetzt erst recht!

Meiden Sie derzeit größere Menschenansammlungen?

Das ist im Alltag nicht möglich. Ich muss täglich 20 Minuten mit dem Vorstadtzug und weiter mit der U-Bahn fahren. Die Züge und Metros sind zu den Stoßzeiten gerammelt voll und vor allem der Umsteigeort am Nordbahnhof ist immer brisant, da quetscht man sich durch die Flure. Ich habe in der Tat überlegt, dies anders zu gestalten, Bus zu fahren, aber es ist einfach nicht machbar, wenn ich nicht den halben Tag unterwegs sein will. Außerdem ist die Gefahr ja nicht eindämmbar: Vielleicht ist als nächstes der Bus betroffen, den ich genommen habe...

Der französische Präsident Hollande hat einen dreimonatigen Ausnahmezustand ausgerufen. Was heißt das denn konkret für die Bevölkerung?

Eigentlich merkt man im täglichen Leben keine Veränderungen. Ich verstehe den Ausnahmezustand als Mittel für die Regierung, Polizei, Spezialeinheiten und Geheimdienste mehr und schnellere Zugriffsrechte zu geben. Natürlich könnte man auch sagen, dass damit eventuell auch grundeigene Rechte der Bürger beschnitten werden, wie etwa das Versammlungsrecht. Ich denke aber, dass hier die Priorität momentan auf dem Sicherheitsaspekt liegt und zu dessen Gunsten meine Freiheit für einen bestimmten Zeitraum auch beschnitten werden kann. Und selbst wenn zeitweise eine Ausgangssperre verhängt werden sollte, sitze ich doch allemal lieber zu Hause mit meiner Familie im Sicheren, als auf meine Freiheitsrechte zu pochen und mich in Gefahr zu bringen. Außergewöhnliche Zustände verlangen eben nach außergewöhnlichen Maßnahmen.

Vielfach ist davon zu hören, dass man gerade jetzt feiern und seinem bisherigen Lebensstil treu bleiben soll. Wie ist Ihre Haltung?

Ein junger Anwohner eines der betroffenen Cafés, der dort auch an dem Abend anwesend war, hat darauf bestanden, dass es so schnell wie möglich wieder aufmacht, denn je länger das Café geschlossen bliebe, desto mehr würde man den Terroristen Recht geben in ihrem Glauben, die könnten unsere Grundrechte erschüttern und uns Angst machen. Dem stimme ich voll zu, im täglichen Leben ist es allerdings nicht immer einfach. Man muss den gesunden Mittelweg finden zwischen Vorsicht, Aufmerksamkeit und übertriebener Angst.

Hollande spricht von Krieg, den Frankreich zu führen hat. Ist es Krieg? Wie denken Sie, Ihre Kollegen und Freunde darüber?

Wenn Krieg als organisierter und unter Einsatz erheblicher Mittel mit Waffen und Gewalt ausgetragener Konflikt betrachtet wird, dann trifft dies zu. Das Wort „Krieg“ ist allerdings geprägt von Bildern und Erinnerungen der vergangenen Weltkriege oder aktuellen offenen Straßenschlachten, Panzern, aufeinandertreffenden Armeen. Ich glaube, dass man das Wort Krieg heute neu definieren muss, dass es weiter zu fassen ist, geographisch und ideologisch. Aber wenn man sich die Bilder der Tatorte in Paris anschaut, unterscheiden sie sich in nichts von solchen aus bisher bekannten Kriegsgebieten. Ja, ich würde sagen, wir befinden uns im Krieg gegen den IS. Aber ich tue mich schwer zu sagen, dass wir in einem Kriegsgebiet leben, und hoffe sehr, dass dies auch nicht eintreffen wird.

Jetzt ist Weihnachten. Kann es so unbeschwert werden, wie die Jahre zuvor?

Bei uns ist Weihnachten immer ein Moment des Zusammentreffens im Kreise der Familie, oftmals in Deutschland. Auch wenn wir dieses Jahr sicherlich Gedanken an die Opfer und Fragen zur Zukunft im Kopf haben, haben wir doch in Deutschland den Weihnachtsmarkt in Frankfurt besucht oder gemütlich bei einem heißen Äppelwoi mit Familie und Freunden zusammengesessen. Auch an Heiligabend werden wir herzlich über die Freude der Kinder lachen. Ich freue mich sehr darauf, denn wie immer in unruhigen Zeiten sind Familie und enger Freundeskreis emotionaler Rückhalt, und man weiß diese gemeinsamen Momente noch um ein Vielfaches mehr zu schätzen.

Quelle: op-online.de

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