Nach vier Monaten: Sorgenkind der Stadtkirche repariert

„Es“-Glocke lernt fliegen

Babenhausen - Bereits zum Erntedankfest, das die evangelische Gemeinde am Sonntag feiert, läutet es in der Stadtkirche wieder komplett: Gestern wurde die Glocke, die an Weihnachten kaputt ging, an ihrem alten Platz eingebaut. Von Corinna Hiss 

Klein wirkt die Glocke im Vergleich zur evangelischen Stadtkirche. Da sie aber 200 Kilogramm wiegt, musste ein Kran beim Einbau helfen.

„Irgendwie passt das Timing mit unseren Feiertagen zusammen“, befand gestern Pfarrerin Andrea Rudersdorf zufrieden. „An Pfingsten wurde sie weggebracht und pünktlich zu Erntedank ist sie wieder da.“ Die Rede war von der 200 Kilogramm schweren Glocke der evangelischen Stadtkirche Babenhausen, die seit neun Monaten nicht mehr die Gläubigen zum Gottesdienst rufen kann. In der Zeit mussten die verbliebenen vier Klangkörper – allesamt schwerer, größer, aber auch neuer als das Sorgenkind – ihren Part mit übernehmen. An der Glocke mit dem Ton „Es“ war ein rund 30 Zentimeter langer Riss entstanden, der eine sofortige Reparatur nötig machte. Bereits das Herausnehmen des 1383 erbauten Stücks Ende Mai hatte sich schwierig gestaltet. Über den Glockenturm konnte es nicht ins Freie befördert werden, sodass am Ende nur ein Kran und ein Loch im Dachstuhl halfen.

Gestern war es nicht anders: Um acht Uhr morgens baute die Dachdeckerfirma Heinlein aus Babenhausen genau so viele Ziegel ab, dass die Glocke mit ihrer Breite von 72 Zentimetern gerade so durch passte. Das Gerüst der ortsansässigen Firma Geißler war bereits im Vorfeld an den Mauern der Stadtkirche aufgebaut worden. „Wir freuen uns über die Unterstützung“, sprach Christoph Kleinert vom Kirchenvorstand, der das Manöver koordinierte, seinen Dank aus. Die Experten hatten ihre Dienste nämlich ohne Entlohnung angeboten.

In den kalten Morgenstunden, in denen die Sonnenstrahlen gerade einmal den Kirchturm erfassten, fanden sich auch die Drittklässler der Schule im Kirchgarten mit Pfarrerin Rudersdorf sowie die Kleinen aus dem benachbarten Kindergarten ein, um das Schauspiel zu begutachten. Spannend wurde es bereits, als der leuchtend rote Kranwagen erst durch mehrmaliges Rangieren haarscharf durch die Einfahrt zum Marktplatz passte. Alles weitere war dann Teamarbeit: Kleinert stand mit Michael Schneider von der Flörsheimer Turmuhr- und Glockentechnikfirma „Höckel und Schneider“ auf dem zehn Meter hohen Gerüst, während sein Kollege David Kloft am Boden diverse Dinge an die lila Spanngurte schnürte.

Seltener Anblick: Auch Pfarrerin Andrea Rudersdorf und Christoph Kleinert (mitte) vom Kirchenvorstand begutachten die Glocke, die von David Kloft (rechts) und seinen Kollegen eingebaut wird.

Auf sein Handzeichen hin bediente Florin Jurca im Kranwagen den Steuerknüppel und Leiter, Eimer, Schnüre sowie weitere Hilfsmittel, die hoch oben im Turm gebraucht werden sollten, nahmen ihren Weg gen Himmel. Erst ganz zum Schluss befestigte Kloft das kirchliche Kleinod am Kranhaken, gab ihm einen liebevollen Klaps und schickte es auf seine hoffentlich letzte Reise. „Die Glocke lernt fliegen“, platzte es da aus einer Schülerin heraus, die mit hoch gerecktem Kopf das Zusammenspiel der Experten beobachtete. Während Jurcas Job damit getan war, begann für Kloft und Schneider erst dann die Millimeter-Arbeit. Die Öffnung vom Dachstuhl zum Kirchturm war gerade einmal so breit, dass die Glocke durchpasste. Bis sie endgültig an ihrer ursprünglichen Stelle befestigen war, dauerte es mehrere Stunden, denn schnelles Schaffen ist im engen Turm nicht möglich. Zudem galt es, die 940 Kilo schwere und 118 Zentimeter breite größte Glocke zur Seite zu binden, um Platz zu schaffen.

Ursprünglich acht Wochen für die Reparatur angedacht

Obwohl ursprünglich acht Wochen für die Reparatur angedacht waren, mussten die Babenhäuser letztendlich vier Monate warten. „Das ist ein aufwändiges Verfahren“, erklärte Kloft. „Die Glocke muss erst aufgeheizt werden, bis geschweißt wird.“ Und eins ist natürlich besonders wichtig: Sie darf ihren „Es“-Klang dabei nicht verlieren. Im Zuge der Reparatur wurde auch das Joch erneuert, der Holzbalken, mit dem die Glocke befestigt wird. Damit die reparierte Stelle nicht wieder einreißt, haben die Experten im holländischen Aasten den Klangkörper um 45 Grad gedreht, sodass beim zukünftigen Schwingen der Klöppel nicht mehr auf die Problemstelle stößt. Mit Aus-, Einbau und Reparatur muss die Kirchengemeinde nun rund 15.000 Euro aus eigener Tasche stemmen – keine leichte Aufgabe, schließlich sind auf dem eigens errichteten Spendenkonto für die Glocke nur 475 Euro zusammengekommen. „Wir greifen auf Rücklagen zurück, müssen aber so wirtschaften, dass wir nicht in die Miesen kommen“, sagte Kleinert.

Reparierte Glocke ist wieder zurück in der Stadtkirche: Bilder

Spätestens am Sonntag wird der „Es“-Ton wieder eine Stunde vor Gottesdienstbeginn die Gläubigen an den Kirchgang erinnern. So steht es nämlich in der streng vorgegebenen Läutordnung. Wer dabei aber an das Bild eines Glöckners denkt, der mit einem Seil die Klöppel zum Bimmeln bringt, der irrt: Auch in der Stadtkirche wird alles elektrisch gesteuert, jede Glocke ist durchgezählt. Das kaputte Exemplar war Nummer fünf und wurde die vergangenen Monate durch Nummer vier ersetzt.

Kleinert zeigte sich am Ende nur froh, dass es die kleinste der Glocken war, die den Geist aufgegeben hatte. „Bei einer größeren müssten wir den Kirchturm aufbrechen“, malte er das Szenario aus. Doch er kann beruhigt sein. „In meiner zwölfjährigen Arbeitszeit habe ich gerade einmal vier Glocken erlebt, die gerissen sind. So etwas ist äußerst selten“, beschwichtigte Kloft.

Quelle: op-online.de

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