Stadt muss sparen, Kinder packen zusammen

„Lengschder Jugendtreff“ macht dicht

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Das tat weh: Die Kinder nahmen diese Woche ihre persönlichen Sachen aus dem Langstädter Jugendtreff mit nach Hause. Dazu halfen sie den Betreuern, die anderen Gegenstände ins Auto zu verladen.

Babenhausen - Um die Schulden in den Griff zu kriegen, beschloss die Stadtverordnetenversammlung im März weitere Sparmaßnahmen. Die Kinder- und Jugendförderung (JuFö) kommt ebenfalls nicht ungeschoren davon. Von Michael Just 

Als eine Konsequenz wird nun der Jugendtreff in Langstadt geschlossen. Die jungen Nutzer sind von der Entscheidung gleichermaßen überrascht wie enttäuscht. „Wer möchte es haben?“ ruft Brian Funk und hebt ein Kissen hoch. In bunter Schrift ist darauf „Lengschder Jugendtreff“ zu lesen. Einst in den Gruppenstunden im alten Rathaus entstanden, hat das Kissen fortan nur noch Erinnerungswert: Die Tage des Jugendraums sind gezählt, nächste Woche werden dessen Tore zum letzten Mal geöffnet. Die Schließung hängt mit der Streichung der Stelle des Berufspraktikanten bei der JuFö zusammen, der in Langstadt zum Betreuerduo gehört. „Es sind die Vorgaben der Politik, mit denen wir jetzt arbeiten müssen“, erklärt Stadtjugendpfleger Michael Spiehl zur Maßnahme. Betroffen ist auch die „Anlaufstelle im Erloch“; ab 1. September werden dort die Zeiten reduziert.

Dass der Lengschder Treff geschlossen wird, sorgt derzeit bei den Kindern des Stadtteils für entsetzte Gesichter. Sogar ein offener Brief an den Bürgermeister wurde bereits verfasst: „Wir haben den Raum mit viel Eigeninitiative, Engagement und Unterstützung unserer Eltern sowie der Stadt ausgestattet. Und nun das Aus – von heute auf morgen“, heißt es darin enttäuscht. Am Dienstag kam Stadtjugendpfleger Michael Spiehl nach Langstadt, um den Eltern die Situation zu erklären. Der Jugendtreff wurde vor drei Jahren auf Initiative des Ortsbeirates eingerichtet und war dienstags von 17 bis 19 Uhr offen. Es gibt ein Tischkicker, ein Aquarium, Möglichkeiten zum Musikhören und Basteln sowie vieles mehr. Bei schönem Wetter lässt sich der Hof nutzen. Erst kürzlich wurde ein Beet mit Brombeeren, Himbeeren und Trauben angelegt. Die Zahl der Kinder, die regelmäßig kommen, rangiert zwischen sechs und zwölf. Nun wurden sie von der Stadt aufgefordert, mitgebrachte Sachspenden, wie Fußballtore oder Musikinstrumente, mit nach Hause zu nehmen. Mit dem Ausräumen kamen die Schüler diese Woche der Anweisung nach.

Ein trauriger Moment

Für Noa Jost, der fast immer da ist, ein trauriger Moment. „Ich komme seit drei Jahren. Ich bin gerne hier, um mich von der Schule auszuruhen und auf andere Gedanken zu kommen“, sagt der 13-Jährige. Was er zukünftig stattdessen macht, weiß er noch nicht. „Ich werd‘ mich wohl öfter langweilen“, antwortet Tatjana Boßler (10) auf die gleiche Frage. Bei den bisherigen Aktivitäten des Treffs zeigten sich Betreuer einfallsreich. Petra Sieg initiierte eine Vielzahl von Ausflügen, die Berufspraktikant Matthias Richter und Aushilfskraft Brian Funk fortsetzten. „Wir waren auf dem Wartturm in Schaafheim, schauten uns den LebensMittelPunkt an, machten Geocaching, bereiteten unsere eigenen Hamburger zu oder legten Beete im Hof an“, erzählt Funk. „Für uns Betreuer ist das Ende des Treffs genauso ein Schlag ins Gesicht wie für die Kinder. Die Sache lief schließlich gut“, hebt Richter, dessen Stelle zum 1. November nicht neu besetzt wird, heraus. Laut Bürgermeister Achim Knoke mache man diesen Schritt nicht gerne, dazu tue ihm die Maßnahme persönlich Leid. „Wenn bei der JuFö gespart werden soll, kann das Angebot nicht gleich bleiben“, konstatiert der Verwaltungschef. Im Langstädter Ortsbeirat bedauert man, dass die Stadt die Sparmaßnahmen des Parlaments in dieser Form umsetzt. „Der Schuldenabbau der Stadt wird auch von meiner Partei gut geheißen“, sagt Ortsvorsteher Günter Eckert (CDU).

Trotzdem ist die Tatsache, dass mit der Streichung der Berufspraktikantenstelle auch der Treff aufgegeben wird, für ihn ein Schnellschuss. „Wir hätten gerne mal gewusst, warum dort immer zwei Betreuer anwesend sein müssen“, sagt Eckart mit Blick darauf, dass es sich dabei um eine Empfehlung und keine Vorgabe in puncto Aufsichtspflicht handelt. Für ihn wäre eventuell eine ehrenamtliche Lösung, etwa mit Unterstützung der Eltern, möglich gewesen. Zu der habe es aber nicht kommen können, da der Ortsbeirat weder gefragt noch in den Prozess einbezogen worden sei. Auch in Bezug auf das laufende IKEK-Programm ist für Eckert die Entscheidung zweifelhaft: „Wir reden hier immer über den Ausbau der Ortsgemeinschaft und die Stärkung des Miteinanders. Und dann scheitert der Treff an zwei Wochenstunden.“ Dass nur zwei Stunden aufgewendet werden, will der Bürgermeister so nicht gelten lassen: „Mit Vor- und Nachbereitung, An- oder Abfahrt, hängt für die Betreuer deutlich mehr Zeit dran.“ Bei der nächsten Sitzung des Ortsbeirats will Eckert das Thema nochmal auf die Tagesordnung setzen.

Spielkreis statt Kneipentour: Wenn Freunde Eltern werden

Die jungen Nutzer des Treffs saßen am Dienstag ziemlich frustriert auf der Couch. Matthias Richter und Brian Funk versuchten es mit der Hoffnung, dass sie alternativ das Angebot im Juca in der Kernstadt wahrnehmen können. Doch wie dahin kommen? Mit dem Rad durch den Wald? Und was ist im Winter? „Das kostenlose MobiTick für den Nahverkehr gibt es erst ab der 5. Klasse. Bis dahin wird’s für einige teuer“, sagt Jan Metzler (11). Hole man die Kinder aus Langstadt mit dem JuFö-Bus ab, bedeutet das neue Kosten, die man doch einsparen wolle. Für die Schüler eine deprimierende Situation. Doch auch hier stirbt die Hoffnung zuletzt: „Vielleicht bewirkt unser Brief an den Bürgermeister doch noch was“, so Noa Jost.

Quelle: op-online.de

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