Nach anfänglichen Schwierigkeiten wird doch gemeinsam gefeiert

Kerb in Sickenhofen: Ein Stadtteil rückt zusammen

Sickenhofen - Zwei Tag lang feierte Sickenhofen seine Kerb. Zeigte sich der Umzug mit sechs Nummern durch eine mögliche Absage des Festes und die Urlaubszeit als überschaubar, rückten die Sickenhöfer bei den Veranstaltungen im Festzelt, wie Kerbspruch und Haspelessen, eng zusammen.  Von Michael Just 

Beim Haspelessen gestern brutzelten Helmut Trippel, Wolfgang Reinecke und Bernd Kalbfleisch vom SV Sickenhofen insgesamt 180 Haxen auf dem Schwenkgrill.

Hier machten sie deutlich, dass man die Tradition unter allen Umständen aufrecht erhalten will. Als am Montagmorgen auf dem Gelände des Sportverein das große Rundgitter über den brennenden Holzscheiten mit Dutzenden von Haspel belegt wird, erhalten die Grillmeister um Helmut Trippel, Bernd Kalbfleisch, Wolfgang Reinecke, Franz Weihert und Winfried Wiesinger gleich eine Aufforderung. „Macht nur immer schön große Stücke drauf!“, ruft ein Sickenhöfer auf dem Weg ins Festzelt. Die Antwort der „Fleisch-Verantwortlichen“ lässt mit einem Lachen nicht lange auf sich warten: „Selbstverständlich. Bei uns gibt es nur große Stücke.“

Mit einem Haspelessen wurde am gestrigen Montag der zweite und letzte Tag der Sickenhöfer Kerb eingeleitet. Dazu spielte der Langstädter Posaunenchor, der Tags zuvor auch den Kerbumzug angeführt hatte. Mit 180 Haspel hatten die Verantwortlichen in diesem Jahr großzügig kalkuliert, was Franz Weihert mit fast 60 Vorbestellungen erklärte. Zu den Haxen gesellten sich rund 15 Kilogramm Bauchfleisch und ebenso viele Rippchen. Als Beilage zu den Spezialitäten reichte der SV 58 Brot. Die große Nachfrage an Haspel passte zu den Höhen und Tiefen, die die Sickenhöfer in diesem Jahr mit ihrer sogenannten „Zeltkerb“ durchschritten.

Nahm sich der Sportverein in den letzten Jahren dem Erhalt der Tradition an, sahen sich die Kicker 2015 nicht in der Lage, die Veranstaltung personell zu stemmen. Die Kerb drohte auszufallen – bis Ortsvorsteher Friedel Sahm einschritt. Er putzte kurzfristig Klinken bei allen Vereinen, um mit einer großen Gemeinschaftsaktion die Sache doch noch zu retten. Sein Engagement war von Erfolg gekrönt: Beim Zeltaufbau halfen alle gemeinsam mit, dazu übernahm die Feuerwehr die Organisation des Kerbumzugs, der Turnverein die Kaffee- und Kuchentheke, die Karnevalisten den Cocktail-Stand und die Fußballer den Bierausschank und das Haspelessen.

Zum ersten Mal seit 2011 gab es nach dem Umzug sogar wieder einen Kerbspruch: Kerbvadder Achim Frankenberger, Sitzungspräsident der Karnevalisten, schaffte es innerhalb einer Woche, zwölf Geschichten zusammenzutragen und zu Papier zu bringen. Nach der Kerbrede im gut gefüllten Festzelt schloss sich noch eine Party an, bei der am Ende sogar auf den Bänken getanzt wurde. Bemerkenswert: Alle 20 im Ort lebenden Flüchtlinge hatte der Ortsbeirat zu Kaffee und Kuchen eingeladen.

Damit erlebte Sickenhofen doch noch einen versöhnlichen Ausgang der Kerb. Trotzdem ließ sich – wie in anderen Orten auch – nicht verneinen, dass die Ausrichtung der Kirchweih immer schwieriger wird. Vor allem der Sickenhöfer Nachwuchs hat Probleme, sich mit der Tradition zu identifizieren. So gibt es seit rund fünf Jahren keine Kerbburschen mehr. „Man darf es nicht laut sagen, aber ich brauch’ die Kerb nicht“, sprach eine 20-Jährige, die beim Umzug in einer Tanzgruppe des Karnevalvereins mitlief, die bittere Wahrheit offen aus. Sie sieht das Fest eher für Kinder interessant, die sich auf die Schiffschaukel freuen. Für junge Leute sei sie kein großer Anziehungspunkt, erst recht nicht, nachdem die Zeltdisco am Samstagabend wegen zu geringer Resonanz ausfiel.

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Eine 46-Jährige weckte ebenfalls Zweifel, ob die Kerb noch in die Gegenwart passt: „Es ist nicht mehr so wie früher, als ich klein war. Beim Umzug steht kaum noch einer am Straßenrand und schaut zu“, meinte sie. Pascal Hartenstein, der mit Frau und Sohn in den Reihen des TV beim Umzug mitlief, widersprach dem. „Es ist ein schöner alter Brauch. Es wäre gut, wenn‘s weitergeht“, sagte der 33-Jährige.

Wie die Kerb bewies, scheint die Veranstaltung nur dann eine Zukunft zu haben, wenn sich auch in den nächsten Jahren alle Ortsvereine zusammenschließen. Zudem müsste die Jugend begeistert werden. Denn die beweist zunehmend Anlaufschwierigkeiten: Erst das ausgelassene Feiern beim Umzug auf den Traktoranhängern und das Tanzen auf den Bänken im Festzelt machte der jüngeren Generation nach anfänglicher Skepsis klar, dass die Kerb etwas Erhaltenswertes ist.

Quelle: op-online.de

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