Szenische Stadtführung am Tag des Fachwerks

Zeitreise zum Narrenhäuschen

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Georg Wittenberger, Sandra Gökce und Ute Wittenberger (von links) sind die Figuren, die bei der szenischen Stadtführung viel über das alte Babenhausen zu erzählen haben.

Babenhausen - Einen Ausflug in die Geschichte unternahmen etliche Babenhäuser und Auswärtige. Vor allem Jüngeren dürfte neu gewesen sein, wo früher mal der Schlachthof stand. Von Ulrike Bernauer

Der Graf von Hanau-Lichtenberg und die Wirtsfrau Anna – zwei Personen, die im mittelalterlichen Leben kaum etwas miteinander zu tun hatten, weil ihre gesellschaftlichen Rollen so unterschiedlich waren. Diese beiden hatten aber nun zusammengefunden und zur szenischen Stadtführung eingeladen. Sandra Gökce übernahm die Rolle des Grafen, Ute Wittenberger gab die Wirtsfrau Anna, Georg Wittenberger fungierte als Aushilfsleser, da seine Frau an diesem Sonntagnachmittag nicht ganz stimmfest war. Gewandet waren sie alle ihren Rollen entsprechend.

Los ging es an der Stadtkirche, wo es erst einmal einen Ausflug in noch gar nicht so lang vergangene Zeiten gab. Einen Auszug aus Liesel Grolls Buch „Kindheit in Babenhausen“ bekamen die Stadtwanderer zu hören, als die Fahrstraße noch richtig belebt war und sich Geschäft an Geschäft reihte. Vielen Jüngeren wird wohl auch neu gewesen sein, dass dort, wo heute die Stadthalle steht, früher der Schlachthof war. Die Stadtkirche fand natürlich auch Erwähnung, schließlich stritten sich im Mittelalter einige adlige Herren, wer in dem Gotteshaus das Sagen haben sollte. In einem zu den frühesten Schriftstücken zum Amt und zur Kirche in Babenhausen gehörenden Brief erteilt Papst Urban im Jahr 1262 dem Dekan und Schatzmeister der Frankfurter Kirche in der Diözese Mainz die Entscheidungsgewalt über den künftigen Herren der Kirche.

„Das Narren- und Hurenhäuschen war für kleinere Vergehen vorgesehen“, erklärte Ute Wittenberger an einem Abschnitt der Stadtmauer, wo die Teilnehmer einen von drei Wänden umschlossenen Raum sehen konnten. „Die Vorderseite war mit einem Gitter verschlossen, die Delinquenten wurden wohl angekettet und konnten von den Bürgern geschmäht werden, das war bestimmt nicht so angenehm.“ Beleidigungen anderer, außerehelicher Geschlechtsverkehr oder Mundraub konnten einen Bürger ins Narren- und Hurenhäuschen bringen.

Gefährlicher für die Verhafteten war der Aufenthalt im Hexenturm, der auch Station der Führung war. Anfang des 17. Jahrhunderts war Hermann Veix hier eingekerkert, der unter der Folter gestand, Hexentänze und Teufelsgelage am Ober-Röder-Weg begangen zu haben. Vor seiner Hinrichtung gab er „viele weitere Hexereien in einer Art von Bezichtigungsraserei zu und nannte viele Mithexen“, so Wittenberger.

Ein weiteres Gefängnis war das Schloss, das zeitweise eine Funktion als Militärgefängnis hatte. Einer der berühmtesten Gefangenen war der Demokrat, damals Demagoge geschimpft, mit Namen Dr. Wilhelm Schulz. Er hatte im 19. Jahrhundert Schriften gegen die Tyrannei über das Volk durch Fürsten und Pfaffen geschrieben. Unter anderem soll von ihm das Lied „Die Gedanken sind frei“. stammen. Später gelang Schulz mit Hilfe seiner Ehefrau Karoline die Flucht über die zugefrorenen Wassergräben des Schlosses.

„Ich will mehr über Babenhausen erfahren“, erklärte Silke Kasamas ihre Teilnahme an der historischen Führung. Kasamas hat aber auch noch ein anderes Interesse. „Ich will einen historischen Roman über Babenhausen schreiben, da soll im 16. Jahrhundert ein Mord in Babenhausen geschehen. Mein Anspruch ist, dass ein Geschichtskundiger den Roman liest und die Zeit richtig dargestellt ist.“

Einfach nur genießen wollte Waltraud Justin die Führung. „Mir fehlen Informationen darüber, was früher hier passiert ist“, sagte die Babenhäuserin. Sie war unterwegs mit ihrer Tante Margot Seitz, die in Darmstadt lebt. „Aber in meiner Kindheit habe ich nach unserer Ausbombung hier drei Jahre gelebt, ich bin hier zur Schule gegangen und hier konfirmiert worden“, erinnerte sich Seitz. „Man weiß einfach zu wenig über die Geschichte und wir wollen unsere Kenntnisse vertiefen“, brachte es Justin auf den Punkt.

Quelle: op-online.de

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