Bleistiftzeichnungen von Joseph Tiedemann im Territorialmuseum

Detailliert bis zum „Kerschturmgickel“

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Übers Wochenende konnten auch detailgetreue Bauten aus Streichhölzern betrachtet werden.

Babenhausen - Bleistiftzeichnungen mit Motiven des Architekten und Hochschulprofessors Joseph Tiedemann sind im Territorialmuseum zu sehen. Übers Wochenende konnten auch detailgetreue Bauten aus Streichhölzern in Augenschein genommen werden. Von Ursula Friedrich 

„Joseph Thiedemann zeichnete mit einer fast versessenen Detailgenauigkeit bis hin zum Kerschturmgickel“, Professor Frank Oppermann deutete auf die minutiöse Darstellung einer dörflichen Ansicht von Fachwerkbauten. Was diese Zeichnungen, die im ersten Stock des Territorialmuseums zu sehen sind, so überaus wertvoll machen, ist nicht nur das Können Joseph Tiedemanns. Der Architekt, Dekan und Hochschulprofessor aus Darmstadt hat mit dem Bleistift das dörfliche Bild Harreshausens zwischen 1944 und 1946 für die Nachwelt festgehalten.

Die Zeit im ländlichen Exil in Harreshausen nutzte Joseph Tiedemann, um detaillierte Bleistiftzeichnungen anzufertigen.

Die kostbaren Harreshäuser Ansichten erstand das Territorialmuseum nun aus einem Nachlass. Anlässlich des 43. Babenhäuser Weihnachtsmarktes wurde die Sonderausstellung eröffnet. Was verband den Darmstädter Architekten mit dem beschaulichen, damals noch unabhängigen Örtchen? „Sein Haus in Darmstadt wurde zerbombt“, erzählte Georg Wittenberger, Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV). Im damaligen Forsthaus, dem Schlösschen, erhielt die Familie Thiedemann nach der verheerenden Brandnacht in Darmstadt am 13. September 1944 eine Zuflucht. Mit Ehefrau und zwei Töchtern lebte Thiedemann bis zum 29. Januar 1946 in Harreshausen, dann zog er nach Darmstadt zurück. Die Zeit im ländlichen Exil nutzte er, um extra feine Bleistiftzeichnungen anzufertigen. „Es stimmt jeder Fachwerkbalken!“, sagte Professor Oppermann begeistert.

Zur Vita Thiedemanns (1884-1959) bleibt zu sagen, dass er 1933 als Professor für Baukunde an der Technischen Hochschule Darmstadt dozierte. 1947 legte er einen Generalbebaubauungsplan für seine zerstörte Heimatstadt vor. Als freier Architekt hatte der Sohn eines Schneiders bereits 1933 das heute denkmalgeschützte Projekt „Holländerhof“ in Berlin geplant und realisiert. Der Architekt war außerdem niemals Mitglied der NSDAP, wie Nachforschungen der heutigen TU ergaben.

Zeitzeugen aus Harreshausen ist er als kleines, verhutzeltes Männlein in Erinnerung (wie eine schnörkelloses Selbstportrait schonungslos dokumentiert), „eine seiner Töchter muss eine große Schönheit gewesen sein“, schmunzelte Georg Wittenberger. Thiedemanns Werk wird in Territorialmuseum noch bis Ende des Jahres gezeigt.

Nur ein kurzes Gastspiel hatte die zweite Sonderschau zum Weihnachtsmarkt. Doch auch der Babenhäuser Franz Gruber setzt die Liebe zu seiner Heimat künstlerisch um. Mit faszinierender Geduld schafft er eine Projektion markanter (Babenhäuser) Gebäude – ausschließlich mit Hilfe von Streichhölzern. Am Wochenende zeigte Franz Gruber im Museum diese Prunkstücke aus seinem Werkraum. Aus 23.000 Streichhölzern schuf er akribisch ein maßstabgetreues, 65 Zentimeter hohes Abbild des Territorialmuseums – in 430 Arbeitsstunden. Auch der Hexenturm, das Michelstädter Rathaus und die Frauenkirche in Dresden wurden vom Publikum bestaunt.

Quelle: op-online.de

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