Tote Störche in Harpertshausen

Zwei Jungvögel schaffen es nicht

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Meister Adebar auf der Kirche in Harpertshausen – das Brutpaar hat in den letzten Tagen zwei seiner Jungen verloren.

Harpertshausen - Für den Mensch ist der Storch ein Sympathieträger. In Harpertshausen ist dieser Tage deshalb die Freude getrübt: Gleich zwei tote Jungstörche wurden auf dem Gehsteig neben der Kirche, auf deren Dach sich das Nest befindet, gefunden. Von Michael Just 

Einen Kadaver entdeckte vor ein paar Tagen eine Nachbarin, einen weiteren brachten Schüler zu Ortsvorsteher Kurt Kratz. „Die Jungvögel können aus dem Nest gefallen, aber auch verendet und dann von den Altvögel hinausgeworfen worden sein. Beides ist möglich“, sagt Kurt Kratz. Für ihn sind die Vorkommnisse äußerst bedauerlich, da die Störche – wenn auch mit Unterbrechungen – schon lange zum Ortsbild gehören. Für den 74-Jährigen sind sie seit seiner Schulzeit ein gewohnter Anblick. Gut blieb ihm in Erinnerung, als ein riesiges, zum Glück leeres Nest, Anfang der 1950er Jahre einmal herunterfiel und viele Bürger über Größe und Qualität des Flechtwerks staunten. „Gleich mehrmals musste damals ein Auto anfahren, um die riesige Menge an Material fortzuschaffen. Sowas vergisst man nicht“, meint der Ortsvorsteher.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts machten sich die Stelzvögel dann überraschend nicht nur in Harpertshausen rar. Die Gründe dürften in der zu jener Zeit intensiven Landwirtschaft, dem Trockenlegen von Feuchtgebieten und der groben Verschmutzung der Gersprenz gelegen haben. Mit der Klärung der Abwässer und dem nachhaltigen Naturschutz in den Hergershäuser Wiesen besserte sich die Situation, und die Vögel mit den roten Beinen und Schnäbel kehrten in die alten Reviere zurück.

Da es in Harpertshausen keine Nabu-Gruppe gibt, wenden sich dem Naturschutz verpflichtete Bürger schon seit längerer Zeit an den bekannten Groß-Umstädter Vogelschützer Klaus Hillerich. Mit dessen Unterstützung wurde das Storchennest in jüngster Zeit zweimal erneuert. Die Stadt und die Feuerwehr halfen bei der Umsetzung. Trotz der Bemühungen blieben Bruterfolge aber aus. Zum Teil wurde, wie 2014, das Nest nicht angenommen, 2013 machte vermutlich die nasskalte Witterung einen Strich durch die Rechnung: Die Jungtiere starben, bevor sie flügge wurden. So führte Hillerich die letzte Beringung Harpertshäuser Störche schon in den 1960er Jahre durch.

Naturschutzbund beringt Störche

Mit etwas Glück stellt sich dieses Jahr doch noch eine Erfolgsmeldung ein, denn die genaue Zahl, wie viele Jungvögel im Frühjahr schlüpften, kennt im Ort niemand. Einer, der es wissen könnte, ist Pfarrer Ulrich Möbus. „Da das Nest sehr nah am Kirchturm liegt, habe ich es bisher gelassen, hinaufzusteigen und mal zu gucken. Ich möchte die Vögel auf keinen Fall stören“, sagt Möbus. So muss sich Kratz auf die Aussage von Passanten und Anwohnern verlassen. Zwar sind durch die Höhe der Kinderstube und dem Nestrand genaue Beobachtungen schwierig, dennoch ist immer wieder von drei Jungen die Rede. Demnach müsste also noch ein Träger von Pflaumfedern am Leben sein.

Hillerich hat angekündigt, das tote Storchenjunge vom Wochenende abzuholen und einen Blick draufzuwerfen. Wie er sagt, könne man über die Todesursache der zwei Jungstörche bis dato nur spekulieren. Von Pilzsporen bis Latex-Artikel, die die Altvögel im Fressgewürge an die Jungen manchmal weitergeben (so wurden darin schon Schnuller, Gummiringe und am Reinheimer Teich sogar ein Kondom gefunden), seien viele Ursachen möglich. Auch Nahrungsknappheit kommt in Frage, obwohl der Tisch um Harpertshausen gut gedeckt ist. „Manchmal haben Störche, die zum ersten Mal Eltern werden, Anlaufschwierigkeiten, genügend Nahrung herbei zu schaffen“, weiß der Experte. Welche Gründe für die zwei toten Jungstörche vorliegen, wird sich vielleicht nie genau klären lassen. Derzeit hoffen alle Harpertshäuser Tierfreunde auf das möglicherweise noch verbliebene Jungtier. Käme das durch, wäre die Enttäuschung im Ort, in dem es bis Ende der 1970er sogar eine Gaststätte mit dem Namen „Zum Storchennest“ gab, nicht ganz so groß.

Quelle: op-online.de

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