Hessens größte Arena in Babenhausen

Paintball Paradise: Unter gelbem Farbbeschuss

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Auf den drei Paintball-Feldern spielen nicht nur Freizeitsportler. Einmal in der Woche trainiert die „Paradized Crew“ für die Verbandsliga.

Babenhausen - Beim Paintball beschießen sich Teams mit Farbkugeln. Extremsport der Ego-Shooter-Generation, Völkerball für Erwachsene oder moralisches Game Over? Im Paintball Paradise Babenhausen messen sich Hobby- und Profisportler in Hessens größter Arena. Von Eva-Maria Lill 

Hinter der Maske ist es stickig. Stickig und warm. Das fadendünne Band unterm Kinn spannt. Atmen fällt schwer. „Los, los! Nach vorn!“, Michael hebt die Hand, winkt. Seine Stimme zischt zwischen Plastikschutz und Halstuch. Geduckt huscht er vorwärts, zögert, späht. Sein Ziel: Die Flagge des gegnerischen Teams stibitzen, am anderen Ende der brusthohen Holzbarrikaden. Flopp. Flopp. Flopp. Im Stakkato hämmern Kügelchen neben ihm auf den Boden, an die dichtmaschigen Netze, gegen Hindernisse. Schuhe schlappen in Gelantinepfützen. Fingermuskeln krampfen, zucken um den Abzug. Überall ist Farbe. Im Kugelhagel schleicht Michael weiter. Dann plötzlich: Gelb explodiert. Der Treffer schmerzt. Kurz. Stechend. Das Spiel ist aus.

Draußen zieht Michael die Maske vom Gesicht. Grinst. Farbe klebt hinter seinem rechten Ohr. Der 24-Jährige ist das erste Mal im Paintball Paradise in Babenhausen – Hessens größter Arena: „Am Anfang war mir ein bisschen mulmig zumute. Aber jetzt ist alles okay.“ Weniger als fünf Minuten dauert ein Spiel. Fünf Minuten Nervenkitzel. Fünf Minuten Adrenalin. Michael tastet nach dem Kugelpack an seinem Gürtel. Es wird Zeit für die nächste Runde.

Einfache Regeln

Paintball ist ein Mannschaftssport. Die Regeln sind einfach: Teams beschießen sich mit Gelantine-Kügelchen aus Druckluft-Markierern, gefüllt mit Lebensmittelfarbe, Pflanzenöl und Kartoffelstärke. Die „Paintballs“ rauschen mit 7,5 Joule Mündungsenergie über das Spielfeld, also mit etwa 230 Stundenkilometern. Wenn sie beim Aufprall zerplatzen, gibt das mitunter blaue Flecken.

Ziel des Spiels ist, einen Buzzer in der gegnerischen Hälfte zu drücken oder eine „Flagge“ zu stehlen. Was sich nach Schleichen anhört, ist in Wirklichkeit Jagd nach freier Fläche. Wer das gegnerische Team schnell ausschaltet, hat die besten Chancen. Denn wird ein Spieler getroffen, scheidet er aus und muss das Feld verlassen. Als Deckung dienen Hindernisse. Beim sogenannten „Profi-SupAir-Feld“ sind das aufblasbare Zylinder, Kegel und Kästen  – ähnlich einer Hüpfburg.

Im Profisport kümmern sich bis zu acht Schiedsrichter um das Einhalten der Regeln. Das Paintball Paradise baut auf Eigenverantwortung. Markierer über den Kopf, Hände nach oben, langsam in die Schutzzone. Nichts für Raufbolde und Undisziplinierte.

„Paintball ist wie Völkerball, nur mit schnelleren Kugeln“, sagt Daniel Pötz, Betriebsleiter vom Paintball Paradise. Seit 2003 steht Hessens größte Arena mit über 3 000 Quadratmetern an der Frankfurter Straße. Die Halle bietet drei Spielflächen: ein ligataugliches SupAir-Feld, ein Zombieszenario und ein „Tower Defense“ Areal, bei dem ein Team versucht, vom Gegner besetzte Türme zu erobern.

Paintball entstand in die Siebzigern im amerikanischen Forstwesen. Markierer wurden damals zum Kennzeichnen von Bäumen und Rindern verwendet. Irgendwann erwachte der Spieltrieb im Bauer. „In den USA gab es schon früh Studien darüber, dass Paintball im Durchschnitt weniger gefährlich ist als Golf.“ Daniel Pötz ist es leid, sein Hobby rechtfertigen zu müssen. Paintball, das ist für viele immer noch „Krieg spielen“, immer noch moralisches Rotsehen, immer noch militärischer Schnickschnack. Markierer fallen in Deutschland unter das Waffengesetz. Der Sport ist erst ab 18 Jahren erlaubt. Tarnkleidung sowie rotes „Paint“ sind verpönt. Auch Markierer, die wie richtige Waffen aussehen, dürfen nicht benutzt werden. „Paintball ist ein Sport wie jeder andere auch“, betont Pötz.

Ein Sport, bei dem Sicherheit groß geschrieben wird: Eine Maske ist Pflicht, auch Handschuhe, Hals-, Brust- und Genitalienschutz sollten getragen werden. Die Schmerzen beim Kugelaufprall sind Teil des Gesamterlebnisses. „Das gehört zum Reiz“, erläutert Thorsten Schroll. Der 37-Jährige ist Centerspieler bei der „Paradized Crew“ – Babenhausens Paintballmannschaft. Seit 2003 gibt es in Deutschland ein funktionierendes Liga-System (DPL) – Schroll zockt mit seinem Team in der Verbandsliga. Offenbach stellt mit Fast’n Deadly erfolgreiche Paintballer, die Frankfurt Syndicates waren sogar mehrfach Deutscher Meister.

Gespielt wird fünf gegen fünf im System „Race to Two“ – welches Team als erstes zweimal den Buzzer drückt, gewinnt. Eine professionelle Ausrüstung kostet über 2 000 Euro, einen Nachmittag Paintball-Erlebnis gibt es in Babenhausen für 30. Kein günstiger Sport. Für Fans lohnt sich das leere Portemonnaie: „Wenn ich die Maske aufsetze, wird alles unwichtig“, Thorsten glüht vor Leidenschaft. Paintball ist für ihn alles, nur nicht langweilig. Alles, nur nicht abgedroschen.

Wenn Sport schmerzt: So fies kann Training sein

Die meisten Kunden in Babenhausen sind Hobbyzocker auf der Suche nach dem gelbgefleckten Kick. Die feuerrote Halle sitzt geduckt zwischen Fabrikgebäuden, abseits der Straße. Ein bisschen Vintage, ziemlich viel Rebellen-Flair. Dabei genießt Paintball im Ausland Kultstatus, längst nicht überall müssen Anhänger um ein Verbot fürchten. Besonders beliebt ist der Sport bei Junggesellenabschieden, unter Freunden, als „Teambuilding-Maßnahme“ am Arbeitsplatz. „Die Halle ist der falsche Ort für Einzelkämpfer“, sagt Veranstaltungskaufmann Pötz.

Auch Michael lernt an diesem Nachmittag seine Lektion. Allein ist er verloren. Die Startsirene lärmt, Geschosse surren im Bogen gegen Hindernisse. Maske runter. Atemholen. Hände um den Markierer. Zwei Schritte. Nur noch eine Runde. Nur noch fünf Minuten Extremsport, fünf Minuten Völkerball, fünf Minuten Abtauchen in eine Welt aus gelbem Kugelhagel.

Quelle: op-online.de

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