Jagdpächter: „Haben nicht fahrlässig gehandelt“

Wildschwein verirrt sich ins Wohngebiet

Babenhausen - Der Versuch, Wildschweine aus einem Maisfeld zu treiben, ist gründlich schief gegangen: Eine aufgeschreckte Sau rannte durchs Wohngebiet, machte keinen Halt vor Zäunen und verletzte schließlich einen Anwohner. Von Corinna Hiss

Doch den Schuldigen dafür zu ermitteln, ist nicht leicht. Noch immer sitzt der Schock bei Harald Wagner tief. Was wäre, wenn die Enkel dagewesen wären? Oder wenn gar die Terrassentür offen gestanden hätte? „Niemand rechnet damit, dass plötzlich eine große Wildsau vor einem steht“, erzählte Wagner. Passiert war das allerdings am Samstag, als eine Bache im Babenhäuser Osten in mehreren Gärten wütete, Zäune niedertrampelte und schließlich Wagners Nachbar attackierte – der sich jetzt mit kaputter Kniescheibe im Krankenhaus einer Operation unterziehen muss. Wusste am Sonntag noch niemand so recht Bescheid, wie es dazu kommen konnte, gab gestern Jagdpächter Gerald Unger auf Anfrage unserer Zeitung Auskunft. „Wir haben bereits seit Längerem Probleme mit Wildschweinen in den Maisfeldern“, berichtete er. Also wurde am Samstagvormittag der Acker zwischen Lache und Gersprenz mit Treibern „durchgedrückt“, um die Tiere herauszubekommen. „Wir hatten keine Waffen dabei, es war also keine Treibjagd“, betonte Unger. Er selbst wusste, dass besondere Vorsicht geboten war: So nah am Wohngebiet sollte nicht geschossen werden.

Hinter Harald Wagners Zaun sind noch Abdrücke der Wildsau in der nassen Erde zu sehen. Den eingedrückten Zaun hat er bereits wieder so gut es geht provisorisch repariert, unten ist aber noch eine kleine Delle zu erkennen.

Zwei Frischlinge flüchteten Richtung Gersprenz, wo Unger sie schließlich erlegte, ein weiteres Jungtier und eine Bache entwischten wohl den Jägern und gelangten so genau dort hin, wo sie nicht sein sollten: ins Wohngebiet. „Keiner von uns hat sie gesehen oder aufhalten können“, so der Jagdpächter. Nachdem Wagner den Schaden in ihrem Garten bemerkt hatte, riefen sie die Polizei. „Die kam erst eine Stunde später“, klagte er an – da war die Bache bereits wieder verschwunden. Ein dritter Frischling wurde schließlich in der Kirwiller Straße erschossen. Um seinen Gartenzaun, den er wieder provisorisch repariert hat, macht sich den Babenhäuser weniger Sorgen, dafür aber um seinen Nachbar. „So etwas darf nicht passieren, es hätte sogar noch schlimmer ausgehen können“, sagte er. Für ihn ist klar: Etwas ist schief gelaufen.

Unger selbst weist diese Vorwürfe allerdings von sich: „Wir haben nicht fahrlässig gehandelt, aber es war unsere Pflicht, die Wildschweine aus dem Maisfeld zu vertreiben.“ Nachdem die Tiere bereits öfter gewütet hätten, seien die Landwirte besorgt um ihre Ernte gewesen und hätten die Hilfe des Jagdpächters angefordert. Dass eine Bache dabei ins Wohngebiet gelangt sei, wäre nicht vorhersehbar gewesen. „Das Wild gilt als herrenlos. Es handelt sich hierbei um einen unglücklichen Unfall“, schilderte Unger seine Sicht der Dinge. Aber auch er weiß: Eigentlich hätte es überhaupt nicht dazu kommen müssen.

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Rund 4500 Euro geben die Jäger jährlich für Elektrozäune aus. Die sollen die Felder vor den Tieren schützen. „Wir bringen die Zäune an und einen Tag später sind sie kaputt getrampelt“, erzählte Unger. „Was sollen wir dann noch tun?“ Gleiches gelte auch bei Hochsitzen, die früher an der Gersprenz standen und von denen aus das Wild bereits erlegt werden sollte, bevor es sich dem Wohngebiet nähert: Auch sie wurden so oft umgestoßen, bis es die Jäger leid waren, ständig neue zu errichten. „Wir stehen immer zwischen den Stühlen. Aber wir sind keine blindwütigen Killer, wie uns manche hinstellen wollen“, so der Jagdpächter. Und wenn all diese Maßnahmen boykottiert würden, bliebe am Ende nur noch die Möglichkeit, die Tiere vom Acker zu treiben. „Wenn das Wild den Mais wegfrisst, müssen wir für den Schaden aufkommen“, betonte er. Ob letztendlich doch fahrlässig gehandelt wurde und wer für die Schäden aufkommt, klären nun die Anwälte beider Seiten. Währenddessen gilt Harald Wagners, aber auch Gerald Ungers Sorge dem verunglückten Anwohner: Ihm wünschen beide gute Besserung.

Quelle: op-online.de

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