Bellinis „La Sonnambula“ mit Brenda Rae in Frankfurt

Übersatt vom Schöngesang

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Tina Laniks Inszenierung hat das Zeug zum Repertoire-Renner - auch dank der stimmstarken Brenda Rae als Amina.

Frankfurt - Ein Fest des Belcanto ist Vincenzo Bellinis „La Sonnambula“ auch an der Oper Frankfurt, von Schauspielregisseurin Tina Lanik neuinszeniert. Von Klaus Ackermann

Zur Premiere stach vor allem die „Schlafwandlerin“ Brenda Rea mit traumhaft sicheren Koloraturen aus einem hochkarätigen Ensemble, mit dem Chor als effektvoller stimmlicher Phalanx. Umsichtig und mit Feingefühl leitete die Koreanerin Eun Sun Kim das Schöngesang ideal in Szene setzende Opern- und Museumsorchester. Gemessen am uneingeschränkten Premierenbeifall hat Frankfurt wieder einen Bestseller im Repertoire.

Für die Irrungen und Wirrungen der Liebe in einem Schweizer Gebirgsort, begrenzt von Felsen, mit einem stilisierten Gletscher und Schneetreiben im Hintergrund, hat Ausstatter Herbert Murauer eine schräge Plattform reserviert, die im Laufe des Spiels eine gerade Fläche bildet und Dach für eine Art Privatissimum im Bühnenvordergrund ist. Schon im Vorspiel, das teils aus dem Off ertönt, mit den Echowirkungen aus dem Orchestergraben ein origineller Verfremdungseffekt, schlafwandelt die Titelheldin im dünnen Negligé durchs Dorf.

Gefeiert vom Chor des Dorfvolks, dass sich auf das Verlöbnis der Amina freut, Kommentator wie Antreiber in Bellinis „Melodramma“: Frankfurts Opernchor (Einstudierung: Tilman Michael) zeigt seine Schokoladenseite, stimmlich außerordentlich beweglich, klangschön und dabei viel gefordert. Deshalb verpasst ihm Regisseurin Tina Lanik, die während der Probearbeiten ihre zweite Tochter zu Welt brachte (und sie Amina nennt), viel statische Präsenz, wappnet die Chorfrauen und –männer mit dicken wattierten Jacken (Kostüme: Stefan Hageneier) gegen Gefühlskälte und arrangiert sie auch als Tableau hinter einer durchsichtigen Leinwand, gelbstichig wie ein Foto aus dem Familienalbum.

Annähern und Abweisen

Umso mehr hat sich Lanik auf die Personenregie konzentriert, was packende Szenen des Annäherns und Abweisens der Liebenden, aber auch der Eifersucht beschert. Herz und Schmerz in Kavatine, Duett, Terzett und im eleganten Dreivierteltakt. Eun Sun Kim und das Orchester bereiten genussvoll das Terrain, aus dem vor allem Brenda Raes Sopran noch beim Schlafwandeln in ungeahnte Stimmhöhen aufsteigt, Fiorituren in Reinkultur und Koloraturen als Emotion pur, das Salz in Bellinis Opernschlager-Suppe. Dagegen wirkt Stefan Popps Tenor als Elvino im permanenten Wechselbad der Gefühle ein wenig angestrengt. Das „Addio“ der Liebenden ist allerdings herzzerreißend.

Über einen ausdrucksfähigen Sopran verfügt Schottin Catriona Smith, kurzfristig für die erkrankte Louise Alder eingesprungen, als Lisa gleich zweimal von Elvino verschmäht, dabei mit Leidenschaft in den Koloraturen und bewusst auch ein wenig die Zicke mimend. Auf verlorenem Posten dagegen ihr Möchtegern-Liebhaber Alessio. Vuyani Mlinde beherrscht nicht nur Zaubertricks, sondern setzt seinen Bass verbindlich-nobel ein. Auch stimmlich berührend: Mezzosopranistin Frederika Brillembourg als Aminas Stiefmutter zwischen allen Fronten. Wieder einmal stark: Bassbariton Kihwan Sim als Graf Rodolfo, Urheber des Liebeschaos, der aber auch die ängstlichen Dorfbewohner über eine Krankheit namens Schlafwandeln aufklärt.

Gleißende Helligkeit, wenn la Sonnambula nach weiteren gesanglich kunstinnigen Liebesbekenntnissen aus ihrem Traum erwacht und happyendlich zur Hochzeit schreitet. Freilich zum Unwillen des Frankfurter Inszenierungsteams, dass ihr zumindest im Programmheft nach all den üblen Erfahrungen zutraut, sich selbst zu befreien. Ein ewig Gestriger, wer insgeheim darüber lächelt …

Noch am 3., 11., 14., 20., 26. Dezember. Karten gibt es unter 069/21249494.

Quelle: op-online.de

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