Von Betroffenheit befreit

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Konzert der Temperamente: Marius Huth, Jakob Zeisberger, Peter Breidenich und Jana Nieruch

Frankfurt - Martina Droste und das Junge Schauspiel Frankfurt haben als Beitrag zu den Thementagen ,,Leben mit Auschwitz - danach“ das Stück „Anne“ auf die Bühne gebracht. Von Sebastian Hansen 

Es sind viele Gründe, die eine Beschäftigung mit dem Tagebuch von Anne Frank lohnen - über das beispielhafte Schicksal eines jüdischen Mädchens hinaus, dessen Leben von den Nationalsozialisten bedroht worden ist und das im Vernichtungslager Bergen-Belsen umgebracht wurde. Auch als Entwicklungsroman lässt sich das Buch lesen. Hier setzt die Theaterpädagogin Martina Droste mit ihrer Inszenierung des Stücks „Anne“ nach Motiven von Leon de Winter und Jessica Durlacher an, die sie mit dem Jungen Schauspiel an den Kammerspielen entwickelt hat,

Zwischen 13 und 15 Jahren alt ist die - schreiberisch begabte - gebürtige Frankfurterin Anne Frank als sie 1942 bis 1944 im Versteck ihrer Familie in einem Hinterhaus in der Amsterdamer Prinsengracht ihre seelische Befindlichkeit in einem Tagebuch offenbart, das ihr eine Zuflucht ist. Vielstimmig aufgebrochen ist ihre Ich-Rede in der Frankfurter Inszenierung mit neun Jugendlichen beiderlei Geschlechts, es präsentiert sich ein ganz normales Mädchen mit den Nöten der Pubertätsphase.

Anne behauptet immer wieder ihre Eigenständigkeit und eine Verantwortlichkeit niemandem anderem als sich selber gegenüber. Es geht um die Selbstsuche und den Blick auf die als falsch empfundene Welt der Erwachsenen, um Schwierigkeiten mit der Notgemeinschaft von sieben Menschen auf fünfzig Quadratmetern - „Ich denke viel, aber ich sage nicht viel“ - und um die aufkeimende Sexualität und eine erste Liebe. Selbstverständlich auch um die Angst vor der Entdeckung und andererseits die vermeintliche Aussicht auf Befreiung angesichts der im englischen Radio gemeldeten Erfolge der Alliierten.

Die jugendlichen Spieler tragen zum Teil Turnschuhe, vereinzelt klingt auch der Stil der damaligen Zeit in ihrer Kleidung an - Kostüme: Janina Baldhuber und Raphaela Rose. Es ist der unverstellte Charme der Jugendlichen, den Martina Droste gescheit nützlich zu machen weiß. Sie spielen keine „Rolle“ im klassischen Sinn. Vielmehr nehmen sie Haltungen ein, der stete Wechsel des Textes zwischen den Spielern sorgt für ein Konzert unterschiedlicher Temperamente. Widerstreitende Gefühle, wie sie in der Vorlage dargelegt werden, treten in einer plastischen Art hervor. Es wird niemals zu dick aufgetragen. Das heikle Verhältnis mit der Mutter gerät schon mal zur hitzigen Wutrede: Ein kampfbereit vorwärtsdrängender Junge wird von zwei anderen zurückgehalten, wie wenn es einer Schlägerei vorzubeugen gelten würde. Andere Monologe sind ausgesprochen innerlich gestaltet. Musikalische Ensembleszenen - Chris Weinheimer - mit Gitarre, Melodica, Trompete und Violine markieren Stimmungen in einer funkelnden Weise.

Ein kleines Wunderwerk der professionellen Theaterarbeit mit Laien ist entstanden. In ihrer dezenten Intimität werden diese pausenlosen anderthalb Stunden auf der mit kaum mehr als ein paar Vorratsregalen ausgestatteten Bühne von Daniel Wollenzin zu einem eindrücklichen Erlebnis - gänzlich ohne die Last der Betroffenheit.

Quelle: op-online.de

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