Waggongestaltung bei der Reichsbahn

Eisenbahnmuseum: Vierte Klasse für das Volk

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Die Farbe Grau war zu Kaisers Zeiten der vierten Klasse vorbehalten.(c)Foto: W. Pielhauer Die Farbe Grau war zu Kaisers Zeiten der vierten Klasse vorbehalten.

Darmstadt - An den Tagen der Industriekultur beteiligt sich auch das Eisenbahnmuseum Kranichstein mit einer Sonderausstellung: „Innere und äußere Gestaltung von Eisenbahn-Reisezugwagen in den letzten 100 Jahren“.

Gezeigt werden nicht Luxuswagen für Fürsten und andere hochgestellte Persönlichkeiten, sondern Wagen der niedrigsten Komfortstufe, in denen einfache Bürger reisten. Über den Fahrpreis war geregelt, wer in welcher Klasse fuhr: Von 1880 bis 1928 kostete ein Kilometer in der vierten Klasse zwei Pfennig, in der dritten vier, in der zweiten sechs und in der ersten acht Pfennig. Damit war sichergestellt, dass man in den besseren Klassen unter sich blieb.

Auch die Farbgebung trug dazu bei, dass jeder wusste, wo er hingehörte: Wagen der vierten Klasse waren grau, der dritten Klasse braun, der ersten und zweiten Klasse grün gestrichen – wobei die Abteile der ersten Klasse eine gelbe Umrandung hatten. Sogar die Fahrkarten waren in den entsprechenden Farben gedruckt.

Erst als im Ersten Weltkrieg die Solidarität der Bevölkerung gefragt war, wurde einheitlich eine grüne Farbe eingeführt. Sie wurde – mit Ausnahmen – bis in die 70er Jahre beibehalten. Heute kostet das Fahren in der ersten Klasse zirka 60 Prozent mehr als in der zweiten. Ob der etwas größere Sitzkomfort diesen Unterschied rechtfertigt, entscheide jeder selbst. Der Verdacht liegt nahe, dass mancher immer noch gern unter seinesgleichen reist. Kleiner Trost: Ist der Zug verspätet, sind alle Klassenunterschiede aufgehoben. Die Farbe unterscheidet nicht mehr die Klassen, sondern Züge des Regional- und des Fernverkehrs.

Zur Kaiserzeit waren Personenwagen auf einem eisernen Fahrgestell mit einem Holzaufbau versehen. In der einfachsten Ausführung, der vierten Klasse, war die Einrichtung spartanisch: Es gab einfache Sitzbretter, oft sogar nur Stehplätze. Als Beispiel ist ein Wagen der Königlich-Württembergischen Staatsbahn ausgestellt. Einige Waggons dieser Bauart waren nahezu unverändert bis 1960 im Einsatz; nur die Ziffern wurden von der vierten auf die dritte, dann auf die zweite Klasse geändert.

Später erhielt der Holzaufbau eine Blechverkleidung. Innen gab es nach Abschaffung der vierten Klasse für die dann niedrigste dritte Klasse Holzsitzbänke, deren Formgebung indes körpergerecht angepasst war und dadurch mehr Sitzkomfort bot. Als Beispiel dient ein 1926 gebauter Privatbahnwagen, wie er auf dem „Odenwälder Lieschen“ eingesetzt war.

Den gleichen Komfort boten innen die ab 1928 gebauten Staatsbahnwagen für die dritte Klasse – allerdings waren sie vollständig aus Stahl. Lediglich Innenverkleidung und Sitzbänke waren weiter aus Holz. Sie behielten diese Ausstattung bis in die 50er Jahre. Erst im Hinblick auf die Abschaffung der dritten Klasse wurden die Stahlwagen der Bundesbahn ab 1952 innen den Neu- und Umbauten angepasst. Auch ein derart modernisierter Plattformwagen ist ausgestellt.

Einen Rückfall in die einfachste Komfortstufe erlebten die Reisenden nach dem Zweiten Weltkrieg. Um die durch Kriegsverluste entstandenen Lücken schnell zu schließen, wurden Tausende auf der Konstruktion von Güterwagen basierende, einfache Personenwagen mit einer Inneneinrichtung hergestellt, die an die alte vierte Klasse erinnerte. Diese Wagen rollten in Ost und West gelegentlich bis Anfang der 70er Jahre. Auch ein solcher MCi-Wagen steht zur Besichtigung bereit. Er wurde nach jahrelanger Wiederaufarbeitung kürzlich fertig. 1956 wurde die dritte Klasse abgeschafft.

Neue Waggons erhielten für die preiswertere zweite Klasse durchgängig Polstersitzbänke, wobei meist spezielle Kunstlederbezüge verwendet wurden. Die Schau zeigt einen vierachsigen Schnellzugwagen mit Seitengang der zweiten Klasse, wie er jahrzehntelang im Einsatz war und in modernisierter Form bis heute zu finden ist. Die Sonderausstellung ist noch bis zum morgigen Sonntag, 26. Juli, zu den Öffnungszeiten von 10 bis 16 Uhr zu besichtigen. J mt

Weitere Infos unter: www.bahnwelt.de; Kontaktaufnahme für Gruppenführungen per E-Mail unter: info@bahnwelt.de, oder telefonisch unter 06151/377600.

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