Das Esa-Kontrollzentrum in Darmstadt steuert sie

Satelliten umkreisen uns im Alltag

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Ein Blick in das Kontrollzentrum der ESA in Darmstadt. Mit dem Testlandemodul „Schiaparelli“ greift man nach dem Mars.

Darmstadt -  Was wäre, wenn plötzlich überall der Strom ausfiele, kein Flugzeug mehr fliegen könnte, und im Auto das Navi keine Adresse mehr finden würde? Dass das alles funktioniert, dafür sorgen Satelliten. Von Joachim Baier

Gesteuert werden sie von Darmstadt aus - inzwischen sind es so viele wie noch nie. Europas Weltraumagentur Esa greift in einer aktuellen Mission nach dem Mars. Mit dem Testlandemodul „Schiaparelli“ wollen die Weltraum-Wissenschaftler ihre erste kontrollierte Landung auf dem Nachbarplaneten üben. Diese ExoMars-Mission bedeutet für das Esa-Kontrollzentrum in Darmstadt einen Rekord in den fast 50 Jahren seines Bestehens. Im Esoc (European Space Operations Centre), einfach gesprochen eine Abteilung von Esa, werden derzeit 18 Satelliten gleichzeitig gesteuert, so viel wie noch nie, sagt der Chef des Esa-Flugbetriebs, Paolo Ferri. Die Daten der Satelliten werden nicht nur für wissenschaftliche Zwecke gebraucht, sie sind auch für den Alltag unbedingt notwendig.

„Nahezu jedes Unternehmen und jeder Bürger nutzt heute Technologien und Dienste, die auf Raumfahrtanwendungen basieren“, heißt es in einer Mitteilung des Bundeswirtschaftsministeriums. „Raumfahrt ist zu einem festen Bestandteil unseres Alltags und einem unverzichtbaren Instrument für Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft geworden.“ Der Normalverbraucher dürfte staunen, wie sich das Leben verändern würde, wenn alle Satelliten auf einmal ausfielen. „Das wäre ein Tag, den wir so nicht kennen“, sagte Rolf Densing, seit Jahresanfang neuer Esa-Chef in Darmstadt und Nachfolger des früheren Astronauten Thomas Reiter. Stromversorgung? Fehlanzeige. Es gäbe auch weder Börsenhandel noch Wettervorhersage, Flugzeuge würden nicht fliegen können. „Auch das Navi im Auto würde nicht mehr funktionieren“, erklärte Densing.

Rund 900 Beschäftigte gibt es beim Esoc in Darmstadt, etwa 250 davon von Esa. Der Rest ist für Fremdfirmen tätig. Esoc wird auch als „europäisches Houston“ bezeichnet und ist seit 1967 für den Betrieb sämtlicher Esa-Satelliten verantwortlich. Bisher wurden mehr als 70 solcher Flugkörper betreut, die in der Verantwortung der Esa blieben.

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Sobald ein Satellit sich von der Trägerrakete trennt, übernehmen die Fachleute in Darmstadt die Kontrolle. Sie sind verantwortlich für die Bestimmung, Vorhersage und Steuerung der Flugbahn eines Satelliten. Gearbeitet wird rund um die Uhr. „Wir sind im Prinzip immer im Einsatz. 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche“, sagte Densing. „Satelliten machen ja keine Pause.“ Dabei hat in der Bevölkerung das Interesse am Weltraum zugenommen. „Die Klimaerwärmung betrifft alle.“ Informationen können auch lebensrettend sein. „Wir können Dürregebiete sehen, und auch, wo es Wasser gibt.“

Nicht alle Satelliten, die nach dem Start im Ausland von Darmstadt aus an ihren Arbeitsplatz im All gebracht werden, bleiben in der Hand von Esa. Manche übernimmt die europäische Wettersatelliten-Organisation Eumetsat, die in Darmstadt unweit des Esa-Satelliten-Kontrollzentrums arbeitet. Derzeit seien acht Satelliten im All, sagte Eumetsat-Sprecherin Valerie Barthmann. Im Laufe dieses Jahres soll der neue „Wächter“-Satellit Sentinel 3A hinzukommen, für den jetzt noch Esoc zuständig ist. Bei Eumetsat gibt es rund 700 Mitarbeiter, 350 von ihnen gehören zu Eumetsat.

Kontrolleur-Chef Densing ist stolz auf seine Mannschaft. Er erinnert an die spektakuläre Landung auf dem Kometen „Tschuri“ im November 2014, rund 500 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Immerhin dauerte die Reise der Raumsonde „Rosetta“ zehn Jahre, acht Monate und zehn Tage. Dann folgte das Aufsetzen des waschmaschinengroßen Labors „Philae“ auf „Tschuri“.

Die Bundesregierung investiert im Jahr 2016 rund 1,5 Milliarden Euro in die zivile Raumfahrt. „Den größten Teil nimmt dabei der deutsche Beitrag an die Esa mit etwa 873 Millionen Euro ein“, teilte das Wirtschaftsministerium mit. „Deutschland ist damit der größte Beitragszahler der Esa.“ Die Beträge der Bundesregierung für die zivile Raumfahrt seien in den vergangenen zehn Jahren fast stetig gestiegen. 2005 betrugen sie 892 Millionen Euro.

Verwendet werden die Satelliten-Daten auch vom Deutschen Wetterdienst. Für die Schifffahrt „werden wir die Informationen des Satelliten Sentinel-3A nutzen“, sagte der Meteorologe Jörg Asmus in Offenbach. „Das soll in die Vorhersage des Seegangs mit einfließen.“

dpa

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