Darmstädter leistet Krankheit erbitterten Widerstand

Jonathan Heimes: Der strahlende Kämpfer gegen den Krebs

+
„Tolle Jungs“: So beschreibt Jonathan Heimes die Fußballer des SV Darmstadt 98. Gemeinsam mit Benjamin Gorka (links) und dem Rest der Mannschaft feierte der 25-Jährige im Rollstuhl auf der Bühne am Karolinenplatz in Darmstadt den Aufstieg der „Lilien“ in die 1. Bundesliga.

Darmstadt - Jonathan Heimes ist erst 25 Jahre alt, hat aber schon 27 Chemotherapien hinter sich. Der Krebs kehrt immer wieder zurück. Trotzdem kämpft er weiter und bringt damit auch andere Menschen dazu, an ihre Stärken zu glauben. Von Daniel Schmitt

Jonathan sitzt auf einem grauen Sofa in seinem Wohnzimmer, er streckt beide Beine entspannt von sich, die Finger ineinander verschlungen, ruhend auf dem rechten Oberschenkel. Seine Augen fixieren erst die weiße Wand vor ihm, dann den rechten Oberschenkel. Nach Sekunden der Stille sagt Jonathan mit Überzeugung in der Stimme: „Es gibt nichts Schöneres, als kranken Menschen zu helfen. Da geht für mich nichts drüber.“ Er atmet lange aus und kurz wieder ein. Er drückt die Hände noch ein wenig fester ineinander. „Das Leben ist für mich ein Geben und Nehmen. Ich will etwas zurückgeben.“ Jonathans Blick richtet sich auf, die Finger lösen sich aus der Umklammerung, die Mundwinkel schnellen nach oben. Es war einer von nur zwei kurzen Momenten an diesem Tag, in denen der krebskranke Jonathan Heimes angespannt und ernst wirkt.

Elf Jahre vor der Begegnung in seinem Wohnzimmer ist Jonathan ein Tennistalent. Als Zwölfjähriger wird er Jugend-Hessenmeister, ist die Nummer 24 auf der deutschen Rangliste. Sein damaliger Trainer Doran Petkovic, der Vater der bekannten deutschen Tennisspielern Andrea, beschreibt ihn als flinken Spieler. Jonathan ist mit der drei Jahre älteren Andrea die Tennishoffnung des TEC Darmstadt. Er ist überhaupt ein begabter Sportler. Auch Fußball spielt er gut – bis zum 13. Juni 2004.

„Die Motorik war völlig am Arsch“

Da liegt Jonathan im Krankenhaus in Frankfurt und wird fast sechs Stunden am Kopf operiert. Die Ärzte bohren seinen Schädel auf. Ein bösartiger Tumor im Kleinhirn. Jonathan liegt zwei Wochen im Koma, nach dem Aufwachen erkennt er seine Tante nicht mehr. „Aber ich wusste noch von einem Tennisturnier in Cleveland“, erzählt er entspannt auf dem Sofa sitzend und holt kurz mit dem rechten Arm aus, wie beim Aufschlag im Tennis. „Das wurde gaaaanz knapp nichts mehr, meine Motorik war nicht mehr so toll.“ Nein, es war schlimmer: „Sie war völlig am Arsch.“ Jonathan lacht.

Auf den Klinikaufenthalt folgt eine anstrengende Reha für den damals 14-Jährigen, es geht ihm von Monat zu Monat besser. Natürlich sind auch Rückschläge dabei, doch die sind Jonathan während seiner Erzählungen nicht mehr als einen Halbsatz wert. Sogar auf den Tennisplatz kehrt Jonathan zurück. Er gibt Trainingsstunden für Kinder. An Hochleistungssport ist zwar nicht mehr zu denken, aber immerhin: Jonathan ist gesund.

„Mein Leben ist wie ein Kinofilm“

Klein und äußerst flink: Mit zwölf Jahren wird Jonathan Heimes Hessenmeister im Tennis.

Bis fünf Jahre später im Alter von 19 Jahren auf einmal die Beine kribbeln. Der Krebs ist zurück. Metastasen an der Wirbelsäule. Jonathan wird erneut operiert, fast vier Stunden. Nach dem Aufwachen geht es ihm ganz gut, am nächsten Tag ist er querschnittsgelähmt. Wichtige Nervenbahnen sind unterbrochen, Jonathan kann nicht mehr laufen. „In der ersten Zeit war mein Gejammer riesig“, sagt er und grinst über beide Wangen. „Aber irgendwann hat es zum Glück Klick gemacht. Ich habe angefangen zu kämpfen und meine Situation anzunehmen.“ Jonathan will raus aus dem Rollstuhl, er will wieder auf seinen eigenen Beinen stehen. „Ich habe in meinem Leben viel vom Sport gelernt. Niemals aufgeben und mit viel Willen schwierige Situationen meistern.“

Heute kann Jonathan laufen. Gestützt von seinen Eltern sind selbst die knarrenden Treppen hoch zu seiner Wohnung in einem Darmstädter Altbau kein Problem. Jonathans Eltern, eine Lehrerin und ein EDV-Fachmann, wohnen im zweiten Stock. Er ganz oben unter dem Dach in seinem eigenen Reich, wie es sich für einen 25-Jährigen gehört. Seine drei Jahre ältere Schwester ist wie die Mutter Lehrerin. „Ohne meine Familie wäre ich ein Nichts“, sagt Jonathan und schaut auf ein Poster an der Wand direkt über seinem Sofa, das eine Szene aus dem Boxerdrama „Rocky“ zeigt. „Mein Leben ist wie ein Kinofilm. Ich bin der Hauptdarsteller, aber ohne meine Freunde, meine Familie wäre es ein sehr schlechter Film. Erst durch mein Umfeld bekommt er die richtige Würze.“ Ein anschaulicher Vergleich, der Jonathan selbst zu gefallen scheint, als er ihn ausspricht. Er zieht seine Augenbrauen nach oben, fixiert noch einen Moment Sylvester Stallone in der Rolle des Rocky und schmunzelt.

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Artikels.

Hautkrebs - die unterschätze Gefahr

Kommentare