Darmstädter leistet Krankheit erbitterten Widerstand

Jonathan Heimes: Der strahlende Kämpfer (Teil zwei)

+
Seit ihrer Kindheit sind Tennisspielerin Andrea Petkovic und Jonathan Heimes gute Freunde.

Darmstadt - Jonathan Heimes ist erst 25 Jahre alt, hat aber schon 27 Chemotherapien hinter sich. Der Krebs kehrt immer wieder zurück. Trotzdem kämpft er weiter und bringt damit auch andere Menschen dazu, an ihre Stärken zu glauben. Von Daniel Schmitt

Lesen Sie hier den ersten Teil des Artikels.

In seiner Wohnung hat sich Jonathan ein Zimmer zum Fitnessraum umfunktioniert, in dem Hanteln für den Oberkörper liegen, aber auch ein Fahrrad zum Abstrampeln steht. „Bauch, Beine, Po sind für mich das Wichtigste. Ich muss meinen Rumpf stabilisieren.“ Im Raum gegenüber gleicht das Wohnzimmer einem Sportmuseum: Etliche Fußballtrikots an der Wand – alle mit Autogrammen versehen. Daneben Boxhandschuhe mit der Unterschrift der verstorbenen Trainerlegende Fritz Sdunek, Autogrammkarten von Uwe Seeler und Boris Becker mit persönlicher Widmung. Im schwarzen Regal stehen gelbe Fußballschuhe vom ehemaligen HSV-Profi Rafael van der Vaart, an denen noch getrockneter Rasen klebt. Fotos zeigen Jonathan bei Markus Lanz, bei Carmen Nebel. Das ZDF drehte sogar eine Reportage über sein Leben. „Ich bin dankbar, dass ich diese Menschen kennenlernen durfte.“ Dass sich so viele Promis für den Darmstädter interessieren, hängt natürlich mit seiner Geschichte zusammen. Bis heute hat Jonathan schon 24 normale Chemotherapien, drei Hochdosis-Chemos und 55 Bestrahlungen hinter sich.

Seit dem ersten Rückfall mit 19 Jahren erhält Jonathan noch zweimal die Diagnose Krebs. Wieder Metastasen in Kopf und Rücken. Wieder ins Krankenhaus, wieder ums Leben kämpfen. „Für mich waren die späteren Diagnosen nicht so schlimm. Ich vergleiche es mit einem Zeugnis, durch das ich die Versetzung nicht schaffe. Nicht schön, aber kein Weltuntergang.“

„Egal was kommt, ich werde immer kämpfen“

Anfang Juni teilt Jonathan auf Facebook mit, dass bei einer routinemäßigen MRT-Untersuchung am Kopf wieder einzelne Stellen gefunden wurden. Seitdem ist er in ärztlicher Behandlung. Doch sicher scheint: Jonathan wird nicht aufgeben. „Egal was kommt, ich werde kämpfen“, sagt er wenige Tage vor dem erneuten Fund und zeigt dabei auf ein blaues Bändchen aus Silikon an seinem linken Handgelenk. Es trägt die Inschrift „DUMUSSTKÄMPFEN“. Es ist Jonathans Motto, das sein Leben so sehr prägt. Und es ist zum Motto für andere Menschen geworden. Gemeinsam mit seiner prominenten Tenniskollegin und Freundin Andrea Petkovic vertreibt Jonathan die Bändchen für den guten Zweck. Das Geld geht an den Verein „Hilfe für krebskranke Kinder Frankfurt“. Jonathan und Petkovic tragen die Bändchen, Spieler des HSV auch. Und natürlich die Aufsteiger vom SV Darmstadt 98. Zu ihnen hat

Jonathan ein besonderes Verhältnis. Die Spieler kennen ihn, sie kennen seine Geschichte und nutzen Jonathans unerschütterlichen Glauben als Motivation für sich selbst. Ab und an schaut er im Training vorbei und wird von jedem Spieler persönlich begrüßt. Auch bei der Aufstiegsparty am Karolinenplatz in Darmstadt war er dabei – mitten auf der biernassen Partybühne.

Jonathan sitzt dort im Rollstuhl, die Profikicker versammeln sich um ihn herum, die Fernseh- und Fotokameras fixieren ihn. Für kurze Zeit schweigt die ansonsten tobende Menge vor der Bühne. Alle lauschen den Worten von „Lilien“-Kapitän Aytac Sulu: „Ohne dich, Johnny, wären wir gar nicht hier“, sagt er. Der Applaus der Zuschauer erreicht Jonathan. Die Augen glänzen, den Mund bekommt er erst nach gefühlten 30 Sekunden wieder zu. „Unglaublich“, findet Jonathan ein paar Wochen später und zeigt auf ein „Lilien“-Plakat an der Wand. „Tolle Jungs“. Mehr will er zum bewegenden Moment auf der Bühne nicht sagen.

Hautkrebs - die unterschätze Gefahr

Lieber rückt er eine andere Szene in den Fokus: Hinter der Bühne tippt ihn ein kleines Mädchen von hinten auf die Schulter. „Sie hat mich gefragt, ob wir ein Foto machen können, als ob ich jemand Besonderes wäre.“ Er scheint das Anliegen nicht zu verstehen. „Das bin ich nicht. Ich kämpfe einfach nur, bis nichts mehr geht. Wie früher auf dem Tennisplatz. Nicht mehr und nicht weniger.“

Die Stimme ist nun lauter als zuvor. Jonathan will seiner Aussage Nachdruck verleihen. Zum zweiten Mal wirkt er auf dem grauen Sofa in seinem Wohnzimmer angespannt, ernst. Erst nach Sekunden des Schweigens kehren die weichen Gesichtszüge zurück. Natürlich ist er der Bitte des Mädchens nachgekommen. „Wenn ich anderen Menschen eine Freude bereiten kann, tut das auch mir gut.“ Ein Geben und Nehmen. Das Leben des strahlenden Kämpfers Jonathan Heimes.

Kommentare