Michael Frayns „Der nackte Wahnsinn“ in Darmstadt

Boulevardtheater in edler Ausgabe

Darmstadt - In Caroline Stolz’ Inszenierung wird die Komödie „Der nackte Wahnsinn“ am Darmstädter Staatstheater zu einem glanzvollen Erfolg. Von Stefan Michalzik 

Slapstick mit präzisem Timing und vollem Körpereinsatz: Wolfgang Böhm und Karin Klein in der Darmstädter Inszenierung von Caroline Stolz

Dieses Stück lässt sich prächtig für den Silvesterabend ansetzen. Theater außer Rand und Band: Das ist hübsch unbeschwert, es macht Feierlaune. Gleich nach der Uraufführung 1982 im Londoner West End ist die Hinterbühnenkomödie „Der nackte Wahnsinn“ ein Renner gewesen, samt späterer Verfilmung. Im Theater deutscher Sprache hält sie sich seither hartnäckig, auf den Boulevardbühnen wie am Stadttheater. In seiner Überdrehtheit ist es ein extrem dankbarer Stoff für die Schauspieler, das Publikum liebt derlei. Nur die Regisseure gucken in die Röhre, denn für explizite interpretatorische Ambitionen lässt Frayn praktisch keinen Raum. Handwerk ist gefragt, das weiß auch Caroline Stolz, die das Stück am Staatstheater Darmstadt - fast schon ließe sich sagen: eingerichtet hat.

Einen Arbeitserfolg mag man das nennen. Aber nichts gegen Stolz und erst recht nichts gegen das Ensemble, denn es ist ein glänzender. Zuerst in Trier, dann in Wiesbaden hat Stolz das Stück schon auf die Bühne gebracht. Nun in Darmstadt, beim dritten Mal, handelt es sich mehr oder weniger um einen Klon mit den hiesigen Schauspielern.

Eine klassische Boulevardbühne - Ausstattung: Lorena Diaz Stephens und Jan Hendrik Neidert - mit Sofa im Zentrum, Treppengalerie und vielen Türen. Die gehen präzise rhythmisiert auf und zu, generell kann es das Darmstädter Edelsurrogat von Boulevard im Timing mit den Spezialisten von der ungleichen Konkurrenz erstklassig aufnehmen.

Präzisionsarbeit ist gefragt angesichts dieser farcenhaften Klamotte um die auf die Spitze getriebenen menschlichen Katastrophen im Theater. Auf der Probe (erster Akt) redet man sich mit „Schätzchen“ an, derweil der Regisseur cholerisch ist und die Schauspieler begriffsstutzig sind. Hinter der Bühne (zweiter Akt) spielen sich die privaten Händel ab, derweil mitten in allem Tohuwabohu immer im Blick zu behalten ist, wer wann durch welche Tür aufzutreten hat und wo sich gerade die kurios von Hand zu Hand wandernde, vor dem trunksüchtigen Kleindarsteller - Ulrich Cyran - fernzuhaltende Whiskyflasche befindet. Einige Tingelmonate später (dritter Akt, wieder auf der Bühnenseite) ist es vorbei mit der Kontrolle, es geht daneben, was danebengehen kann. Samt einem virtuosen Treppensturz von Wolfgang Böhm, der den Slapstick immer noch weiter und weiter und weiter treibt. Kräftiger Applaus auf der Szene dafür, vollends zu recht.

Höher gesprochen geht es um die Frage, wie wir Menschen uns durchschlagen im allgegenwärtigen Spiel der prägenden Kräfte Ordnung und Chaos. Dass dieses muntere Stück in einem größeren Zusammenhang mehrerer Dramen steht, in denen Frayn sich mit dem Menschen und seinem Verhältnis zur Welt beschäftigt hatte, geht heute meistens unter.

Es gibt ein klassisches Piepsblondchen - Brooke Ashton -, eine klassisch betuliche Haushälterin - Regine Vergeen - und eine klassisch ältliche Las-Vegas-Mondäne - Karin Klein. Da rutschen immerfort die Hosen herunter, und das Blondchen hampelt in der Unterwäsche herum. Eifersüchte treiben ihre Blüten, es ist ein Ringen und Zerren ohne Unterlass.

Spätberufene tanzen in Dortmund Ballett

Alle miteinander bringen die Darmstädter diesen Marottenstadel mit einer entspannten Souveränität auf die Bühne, kein Gag verrutscht ihnen ins Schnöde. Am Rande ist mit einigen herzlichen Worten des Intendanten Karsten Wiegand das fünfzigste Bühnenjubiläum von Regine Vergeen begangen worden, die nach ihrem ersten Engagement in Bochum in den siebziger und achtziger Jahren zum Ensemble des Frankfurter Schauspiels gehört hatte, später am Wiener Burgtheater spielte und daneben viel in Fernsehen und Film zu sehen gewesen ist. Ein wenig von einer Familienfeier des Theaters hat dieser aberwitzige Jux ohnedies.

Rubriklistenbild: © Staatstheater/Hudler

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