Mitarbeiter der Bahn AG üben an Modellbahnen

Stress total in „Käfertal“

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Puhhh, Glück gehabt! Der „vom Sturm gefällte Baum“ blockiert nur das Nachbargleis. Der ICE rast ungehindert vorbei.

Darmstadt - Im Kleinen probt die Bahn in Darmstadt fürs Große. Auf einer Modellbahnanlage werden Szenarien nachgestellt, die auch im echten Zugverkehr auftreten können. Fiktive Bombendrohungen oder Weichenbrüche sollen Bahn-Mitarbeiter ins Schwitzen bringen. Von Valentin Gensch

Ein schweres Unwetter tobt über der Kleinstadt Käfertal. Platzregen weicht die Erde auf und heftige Sturmböen setzen den Bäumen entlang der nahe gelegenen Bahnstrecke zu. So sehr, dass ein alter Nadelbaum auf ein Gleis kippt. Mit 250 Kilometern in der Stunde rast ein ICE auf den umgestürzten Baum zu - und schließlich an ihm vorbei. Denn der Baum liegt auf dem Gleis nebenan. Glück für den Lokführer und die Passagiere, die es - genau wie das Unwetter - nur in der Vorstellung von Stefan Riese gibt. Der Geschäftsführer von DB Training hat sich das Unwetter ausgedacht. Den wenige Zentimeter großen Plastikbaum hat ein kleiner Motor entwurzelt, den Modell-ICE hat ein Computer gesteuert. Das Szenario spielt sich auf dem Eisenbahnbetriebsfeld der Deutschen Bahn in Darmstadt ab. Einer rund 500 Quadratmeter großen Modellbahnanlage mit allem, was zum Bahnbetrieb gehört. Dazu zählen dutzende Signale, 360 Weichen, 13 Bahnhöfe und rund 80 Züge.

Profis üben Ernstfälle

Es sind nicht Hobby-Eisenbahner, die sich auf der Anlage im Maßstab 1:87 (HO) ihre Zeit vertreiben. Es sind echte Profis, die Ernstfälle durchspielen: Angestellte der Bahn, die als Fahrdienstleiter oder Disponenten arbeiten und an der Anlage ihren Arbeitsalltag simulieren. Vom Weichenbruch über defekte Züge bis hin zu Bäumen auf Gleisen. So wie der umgestürzte Baum auf der Bahnstrecke zwischen Käfertal und der Ortschaft Buchsbaum, irgendwo bei dem fiktiven Kilometer 38,2 auf der Anlage.

„Die Frage für den Fahrdienstleiter ist nun, wie er die Strecke am schnellsten freibekommt“, erklärt Riese. Der Baum muss schnell von den Gleisen und was passiert in der Zwischenzeit mit den Fahrgästen? Aufgaben, die es mit fiktiven Telefongesprächen zu klären gilt. Beispielsweise mit Anrufen bei Busunternehmen, um Passagieren Ersatzverkehr anbieten zu können. „Ein Baum auf der Strecke ist nicht so schwierig“, sagt Geschäftsführer Riese. Wenn sich die Trainer zusätzliche Hürden wie eine Bombendrohung in einem Bahnhof und einen Weichenbruch als Zusatzaufgabe ausdenken, wird es hektisch. „Dann kommen die Kollegen richtig ins Schwitzen“, sagt Riese.

900 Meter Kunststoffgleise

Die Anlage ist bei der Bahn einmalig in Deutschland. Auf mehrere Räume verteilt haben Techniker 900 Meter Kunststoffgleise verlegt, die umgerechnet 90 Kilometer in Wirklichkeit entsprechen. Signale und Weichen lassen sich - wie im echten Leben - an Computern oder an echten Stellwerkshebeln verändern. So soll auch dem Nachwuchs gezeigt werden, wie etwa Technik aus dem Jahr 1890 funktioniert. Schließlich sind von 4300 Stellwerken im Netz der Bahn noch rund 1000 mechanisch und einige davon tatsächlich noch von vor 125 Jahren.

Nicht nur Mitarbeiter der Bahn proben auf der Anlage den Ernstfall. Auch der Nachwuchs darf an Hebel und Computer ran. Zwischen 50 und 70 Auszubildenden der Bahn und 600 Studenten der Technischen Universität in Darmstadt wird jedes Jahr beigebracht, wie Signale oder Weichen in unterschiedlichsten Bauweisen funktionieren und wie sie gestellt werden. So vergehen bei der Ausbildung eines Elektroniker für Betriebstechnik zum Signalmechaniker viereinhalb Jahre, sagt Ute Plambeck, Vorstand Personal bei der Bahntochter DB Netz. Dazu komme das Erlernen von Einzeltechniken, sodass die Ausbildung bis zu siebeneinhalb Jahre dauere. Auch wegen der Modernisierung des Schienennetzes will DB Netz künftig jedes Jahr 2000 neue Mitarbeiter einstellen. 

dpa

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