Rausch und Birken

Moritz Schönecker inszeniert Tschechows „Onkel Wanja“

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Zum Finale singt der Kinderchor: Stefan Schuster, Katharina Susewind, Thomas Meinhardt und Jana Zöll.

Darmstadt - Tschechows Tragikomödie wird in der Voraufführung am Staatstheater zum lakonischen Exkurs – fast ohne verstörende Momente. Von Axel Zibulski

Die Bilder russischer Birken sind zum Bezug von Stuhl und Sofa reduziert worden, wie in einer Sitcom vorn auf der Bühne platziert hat. Dort parlieren, verlieben und quälen sie sich. Zum Beispiel Iwan Petrowitsch Wojnizkij, genannt „Onkel Wanja“, der mit seiner Nichte Sonja bisher das Landgut bewirtschaftet hat. Sonjas Vater, Professor in Moskau, konnte in der Hauptstadt mit seiner zweiten Frau Elena recht gut von den landwirtschaftlichen Erträgen leben. Nun ist er im Ruhestand, hierher aufs Land gezogen, und alles scheint aus den Fugen, wovon in Moritz Schöneckers Darmstädter Neuinszenierung der Text und die alte Kinderfrau Marina (Jana Zöll) weit eher künden als die statische Szene.

Regisseur Moritz Schönecker bricht, natürlich, den russischen Realismus der 1896 uraufgeführten Tragikomödie auf. Im Bühnenbild seines Bruders Benjamin Schönecker findet die Espresso-Maschine ebenso Platz wie die Wodkaflasche. An letzterer bedient sich reichlich der Arzt Astrow (Mathias Znidarec), ein Zyniker und Alkoholiker, dem Kostümbildnerin Veronika Bleffert Rauschebart und Jesuslatschen verpasst hat, und der sich zwischenzeitlich als einziger einmal völlig in Nacktheit zu demaskieren wagt. Doch egal: Auch der ins peinlich Alberne abgleitende Ex-Gutsbesitzer Telegin (Stefan Schuster) oder Sonja selbst, der Katharina Susewind doch eigentlich so viel mädchenhafte Neugierde zuspielt, sind am Ende nicht wirklich weitergekommen.

Die allseitige Lakonie verschärft sich dadurch, dass die aus Moskau mitgereiste Elena hier nichts von ihrem alles verstörenden Eros ausspielen kann. Denn Maria Radomski, Darstellerin dieser Schlüsselpartie, erkrankte am Tag vor dem geplanten Premierentermin, der dadurch zur „Voraufführung“ heruntergestuft wurde – Elenas Part übernahm dabei Regieassistent Clemens Braun mit schwarzem Rollkragenpullover und Textbuch in der Hand. In der Tschechow-Sicht von Moritz Schönecker, Mitglied der Leitung am Theaterhaus Jena, dürfte damit ein produktiver Störfaktor gefehlt haben – einen anderen immerhin bot die Musik von Joachim Schönecker, dritter im inszenierenden Brüder-Bund, und des Live-Musikers Levi Raphael, die am Ende freilich den banalsten Rest Hoffnung auf die Bühne stellen: Artig reiht sich hinten ein Kinderchor auf, neben dem Klavier, auf dem vorher Gabriele Drechsel als alte Wojnizkaja Bürgerlichkeits-Reste mit Beethoven und Chopin klimperte.

Theateraufführung „Barfuß im Park“

Dass dazwischen ziemlich viel Leerlauf liegt, mag neben dem Fehlen der Zentralfigur Elena der permanenten Larmoyanz von Thomas Meinhardts Wanja und der zeitweiligen Distanz seines professoralen Schwagers (Hubert Schlemmer) geschuldet sein. Was war noch gleich passiert? Der eine hatte das Gut verhökern wollen, der andere auf ihn geschossen. Und jeder Rausch geht vorbei. Birken bleiben. Nächste Vorstellungen am 13. und 21. Februar sowie am 1., 11. und 23. März.

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