Wenn der Zusteller gar nicht klingelt

Über 36.000 Zustellungen gehortet: Haftstrafe für Egelsbacher Briefträger

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Darmstadt/Egelsbach - Für den Oberstaatsanwalt ist es der absolute Rekord in seiner langjährigen Amtszeit: 36.172 Fälle in einer einzigen Anklageschrift. „Die Anzahl der Einzeltaten ist atemberaubend!“ so David Kirkpatrick in seinem Plädoyer. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Und entspricht tatsächlich der Wahrheit. Denn genau so viele Postsendungen hat der ehemalige Egelsbacher Briefträger Oguz S. während seiner einjährigen Dienstzeit in Dreieich und Neu-Isenburg zu Hause gehortet. Auch wenn er nur 34 Briefe davon tatsächlich geöffnet hat, orientierte sich das Urteil vor dem Amtsgericht Darmstadt wegen Verletzung des Postgeheimnisses an eben dieser hohen Fallzahl: Der bisher unbescholtene 27-Jährige ist zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden. Die Haft wird für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, außerdem muss der junge Familienvater innerhalb von neun Monaten 200 Stunden gemeinnützige Arbeit verrichten.

Wie konnte das passieren? Dazu hat S. eine einfache Antwort: „Ich kam mit der Arbeit nicht nach. Es war Sommer, es war heiß. Ich wollte die Sachen am nächsten Tag austragen, habe es aber nicht geschafft. So wurde es eben immer mehr.“ Eine Erklärung, die Amtsrichter Peter Liesenfeld nicht gelten lässt. „Warum haben Sie die 34 Sendungen denn dann aufgemacht?“ will der Richter wissen. „Ich kann es mir auch nicht erklären!“ ist die dürftige Antwort.

Bei der Analyse des Lebenslaufs kommt man der Sache vielleicht ein wenig auf die Spur. S. scheint nicht unbedingt ein Meister des Durchhaltens zu sein. So brach er nach dem Hauptschulabschluss eine Lehre als Maler ab, jobbte dann befristet am Flughafen, betrieb für drei Monate ein Internetcafe. Es folgen weitere Jobs etwa als Lagerarbeiter und Speditionsfahrer. Alles maximal vier Monate lang. In die Zeit als Briefträger von Juni 2013 bis Juni 2014 fällt auch noch die Geburt des Sohnes. Der entpuppt sich als „Schreikind“, was den jungen Vater zusätzlich belastet. Ein dem Gericht vorgelegtes ärztliches Attest bescheinigt S. Kreislauf- und Magenprobleme. Der Arzt empfiehlt eine Psychotherapie, die S. aber nicht in Angriff nimmt.

Die verrücktesten Briefe der Zuschauer ans Fernsehen

Zumindest kann das Gericht S. keine Bereicherungsabsicht nachweisen. Der Diebstahl von und Betrug mit zwei auf dem Postweg verschwundenen Kreditkarten kann ihm nicht nachgewiesen werden, dieser Fall wird eingestellt. Immerhin waren Kreditkarten aber der Grund, warum Ermittlungen gegen S. aufgenommen wurden. Bei den 34 geöffneten Umschlägen scheint S. ohne System vorgegangen zu sein, fanden sich doch Bücher und DVDs darunter, eine Danksagung für Hochzeitsgeschenke, ein Arbeitszeugnis sowie eine Glückwunschkarte aus dem USA. Der Großteil des ungeöffneten Rests besteht aus Werbung. Allein 15.339 Postwurfsendungen, 10.669 Infopostsendungen und 780 Werbesendungen bilden die Basis des riesigen Haufens, in dem sich nur 48 Einschreiben und Postzustellungen fanden - deren Verlust für die Empfänger aber wohl am misslichsten gewesen sein dürfte.

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