Eigene Tochter erwürgt

Darmstädter Mordprozess: Letzte Worte unter Tränen

+
Weinend steht Shazia K. (rechts) in einen Verhandlungssaal des Landgerichts in Darmstadt hinter der Anklagebank. Gemeinsam mit ihrem Mann muss sie sich wegen gemeinschaftlichen Mordes an ihrer 19-jährigen Tochter Lareeb K. verantworten.

Darmstadt - Der Darmstädter Mordprozess gegen streng- gläubige muslimische Eltern wegen des gewaltsamen Todes ihrer Tochter – die Staats- anwaltschaft sieht die Eltern als Mörder, die Verteidigung nicht. Das Urteil wurde auf nächsten Dienstag verschoben. Von Silke Gelhausen-Schüßler

„Jetzt weinen Sie um sich selbst, nicht um ihre Tochter!“ - Es sind harte Worte, die die Darmstädter Staatsanwältin Barbara Sieger in ihrem Plädoyer an das Ehepaar K. richtet, und sie hat guten Grund dazu. Sie fordert für beide Angeklagten die höchste Strafe, die das Strafgesetzbuch hergibt: Zweimal lebenslänglich. Darüber hinaus stellt Sieger die besondere Schwere der Schuld fest. Weil die Tochter entgegen Verboten und religiösen Gepflogenheiten der muslimischen Gemeinde eine Liebesbeziehung zu einem jungen Mann unterhielt, hatte das 52 und 41 Jahre alte Elternpaar am 28. Januar dieses Jahres die 19-Jährige in der Kranichsteiner Wohnung erwürgt und am Parkplatz Oberwaldhaus an der Straße zwischen Darmstadt und Dieburg abgeladen.

Am gestrigen neunten Verhandlungstag sollte eigentlich das Urteil gesprochen werden, doch die vier Schlussvorträge und die letzten Worte der Angeklagten unter Tränen nahmen allein schon ohne Mittagspause fast sieben Stunden Zeit in Anspruch. So blieb dem Vorsitzenden Richter Volker Wagner nichts anderes übrig, als die Verkündung auf Dienstag zu verschieben, um eine angemessene Zeit zur Urteilsfindung innerhalb der Schwurgerichtskammer nutzen zu können.

Lesen Sie dazu auch:

Prozess um getötete 19-Jährige: Mutter spricht erstmals

Prozess am Landgericht: Schwere Vorwürfe gegen Mutter

Vater gesteht, Tochter für "Familienehre" getötet zu haben

Die Staatsanwältin macht keinen Hehl daraus, wie verabscheuenswürdig und in höchstem Mass verachtenswert sie die Gemeinschaftstat empfindet: „Dieser Fall weicht nicht nur in erheblichem Masse von normalen Tötungsdelikten ab. Er ist sogar so weit davon entfernt, dass es zur lebenslangen Haft keine Alternative nach unten gibt!“ Gleich beide Kriterien für Mord seien erfüllt: Heimtücke und niedrige Beweggründe. Sieger: „Sie haben gemeinsam geplant, das Mädchen im Schlaf zu erwürgen, umzukleiden und wie einen Müllbeutel zu entsorgen. Und Sie empfinden noch nicht einmal ehrliche Reue für die Tat!“ Die bewusste Ausnutzung der Wehr- und Arglosigkeit des schlafenden Opfers erfülle dabei das Attribut der Heimtücke. Die der Motivlage und Gesinnung die der niedrigen Beweggründe. „Der einzige Grund, weshalb die junge Frau sterben musste, ist, dass Sie ihr Gesicht in der Ahmadiyya-Gemeinde nicht verlieren wollten. Sie wollten einfach ihr Leben ungestört weiterleben und sich mit den Problemen der Tochter nicht auseinandersetzen.“ In den acht Monaten, seit die Eltern von der Liebesbeziehung der Tochter erfahren hatten, hätte es viele Möglichkeiten habe es gegeben, eine andere Lösung als die der Tötung zu wählen.

Die Rolle seiner Frau Shazia K. war lange nicht ganz klar gewesen und machte eine umfangreiche Beweisaufnahme nötig. Während der Vater von Anfang an zugab, seine Tochter erwürgt zu haben, flüchtete sich die Mutter ausschließlich in die Opferrolle der unterwürfigen muslimischen Frau, die ohne die Erlaubnis des Mannes keinen Schritt vor die Tür machen durfte. Sie gab zwar zu, bei der Tat dabei gewesen zu sein, jedoch habe sie aus Angst, ihr Mann könne ihr ebenfalls etwas antun, nicht gehandelt.

Das lässt die Staatsanwältin jedoch nicht gelten: „Ihr Mann hat Sie nie geschlagen, warum sollten Sie jetzt plötzlich in Angst erstarrt gewesen sein? Sie waren es, die den Rollstuhl für den Leichentransport vor die Wohnung gestellt hat. Und Sie haben die jüngere Schwester am Abend der Tatnacht zu Verwandten ausquartiert!“

Eigene Tochter erwürgt: Bilder vom Prozess in Darmstadt

Selbst im letzten Wort, bei dem wieder beide Angeklagten weinen, bleibt Shazia bei ihrer Version, die ihr Verhalten maximal als Gehilfin deklariert. Verteidiger Axel Kollbach plädiert dahingehend auch auf eine zeitliche Haftstrafe wegen Beihilfe zum Totschlag.

Ähnlich gelagert ist der 100-minütige Schlussvortrag seines Kollegen Ulrich Schmid. Er ergeht sich in Rechtsprechungen des Bundesgerichtshofes zu „Ehrenmord“-Fällen und den Wertevorstellungen des islamisch-orientalischen Kulturkreises. „Mein Mandant hat seine ersten 25 Lebensjahre in Pakistan mit diesen Werten verinnerlicht, er ist in einfachen Verhältnissen damit groß geworden. Hier in Deutschland wurde er zwar am Arbeitsplatz mit anderen Sitten konfrontiert, nach Feierabend jedoch in Gemeinde und Familie in seiner vertrauten Lebensweise bestätigt. Die Ahamadiyya war für ihn bestimmend.“ Als die Tochter dann auch noch beim Klauen von Kondomen erwischt wurde, habe dies das Fass zum Überlaufen gebracht – nun war klar, dass sie auch noch vorehelichen Sex hatte. Schmid: „Sie hat die Familienehre beschädigt.“ Schmid spricht von rund 500 Tötungen ungehorsamer Frauen, die in Pakistan jedes Jahr vollzogen werden – ein Gesetz schreibe dies vor, was zu tun sei, wenn Frauen die Familienehre beschmutzen. Ob sich Richter Wagner von solcherlei Argumenten beeinflussen lässt, ist mehr als unwahrscheinlich. Die Urteilsverkündung wird dennoch mit Spannung erwartet.

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion