„Warum weinst du?!“

Prozess um getötete 19-Jährige: Mutter spricht erstmals

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Vater und Mutter der getöteten 19-Jährigen beim Prozessauftakt am 25.9.

Darmstadt - Bisher hat Shazia K. kaum eine Regung zu erkennen gegeben. Versteckt hinter dem immer gleichen Kopftuch harrt sie der Dinge, die vor der Schwurgerichtskammer auf sie zukommen. Sie und ihr Mann Asadullah K. sind vor dem Landgericht Darmstadt angeklagt, die eigene 19-jährige Tochter ermordet zu haben. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Der Vater ist geständig und bereut, die Mutter verschanzt sich hinter ihrer schicksalsergebenen Opferrolle. Doch am fünften Verhandlungstag des traurigen Mordprozesses meldet sie sich gestern selbst zu Wort, gibt in lückenhaftem Deutsch ein zweieinhalbstündiges Statement ab. Eine umfassende Einlassung hatte Verteidiger Axel Kollbach zwar schon zu Prozessbeginn verlesen, das eigene Wort mit der dazugehörigen Stimme können von der Strafkammer aber stets besser bewertet werden. Nach wie vor ist die Rolle der Mutter ungeklärt. War es „nur“ Beihilfe oder knallharte Mittäterschaft?

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Bei der 41-jährigen Deutsch-Pakistani fließen die Tränen, die Anschuldigungen, die ihr die jüngere Tochter und Nebenklägerin im Zeugenstand gemacht hat, gehen ihr scheinbar sehr nahe. Sie versucht zu erklären, warum für die 14-Jährige der Vater immer „der Liebe“ war und sie „die Böse“. Sie sei für die Entwicklung der Kinder allein verantwortlich gewesen, deshalb habe sie oft streng mit ihnen sein müssen: Die Jüngere habe die sechste Klasse wiederholen müssen, weil sie in fast allen Fächern auf „Ungenügend“ stand, und die Ältere, Lareeb, habe eben diese unerlaubte Beziehung zu einem jungen Mann gehabt.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Volker Wagner, ob der Tötung eine gemeinsame Planung zugrundelag, dementiert sie heftig: „Nix ein Plan, mein Mann hat mir nichts gesagt!“ Ihr halbes Leben, von schwerer Krankheit und dem psychologischen Druck der Schwiegerfamilie geprägt, habe sie mit ihm verbracht: „Und was hab’ ich jetzt? Nichts!“ Der 52-jährige Vater sitzt derweil wie erstarrt mit gesenktem Kopf zwischen Verteidiger und Dolmetscher. Als seine Frau von Lareeb spricht, kann auch er die Tränen nicht zurückhalten, woraufhin Shazia entgeistert fragt: „Warum weinst du?!“

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Nicht allzuviel zur Rollen-Klärung konnte der Ahmadiyya-Bundesvorsitzende Abdullah Uwe Wagishäuser beitragen. Er habe versucht, in der Familie zu vermitteln, indem er alle drei zum gemeinsamen Gespräch bat und zur baldigen Heirat der jungen Leute riet. In der Kranichsteiner Gemeinde soll der Familien-Konflikt bekannt gewesen sein. Bei einer vorehelichen sexuellen Beziehung wären die Betroffenen aus der Religionsgemeinschaft verstoßen worden. Und auch die Eltern, wenn sie davon gewusst hätten. Nach dem Mord sind sie nun allerdings auch raus.

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