Zeugenmarathon am Landgericht

Getötete 19-Jährige: Schwere Vorwürfe an Mutter

+

Darmstadt - Im Prozess um den Tod einer 19-Jährigen ging es am Freitag hauptsächlich um die Rolle der Mutter. Die Schwester des Opfers belastete sie schwer. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Am zweiten Verhandlungstag im Prozess um die getötete 19-jährige Lareeb K. aus Kranichstein musste vor dem Landgericht Darmstadt ein wahrer Zeugenmarathon absolviert werden. 30 Polizisten waren geladen, die als Ermittler, Erkennungsdienstler oder Kriminaltechniker mit dem Aufsehen erregenden Fall betraut waren. Die Zahnarzthelferin in Ausbildung soll am 28. Januar von den eigenen Eltern erwürgt und am Waldparkplatz „Freizeitpark Oberwaldhaus“ abgelegt worden sein - Motiv soll die Rettung der Familienehre und die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft gewesen sein. Das Mädchen hatte acht Monate vorher einen Jungen kennen gelernt, die Eltern sollen rigoros jeglichen Kontakt untersagt haben, dem Lareeb aber nicht Folge leistete. Als sie erfuhren, dass die Tochter sich Kondome besorgt hatte, eskalierte die Situation.

Lesen Sie dazu auch:

Prozessauftakt in Darmstadt

"Ehrenmord" in Darmstadt: Jetzt spricht der Vater

Vater gesteht Mord an 19-Jähriger in Darmstadt

Eltern sollen Tochter getötet haben: „Ganz normale Leute“

19-Jährige wohl von Familie getötet

Ehrenmord? 19-Jährige wohl von Familie getötet

Da der Vater Asadullah K. (52) geständig ist, geht es vor der Schwurgerichtskammer hauptsächlich um die Frage, welche Rolle die Mutter Shazia K. (41) gespielt hat: Beihilfe oder Mittäterschaft? In ihrer umfangreichen Aussage stellte sie sich am ersten Verhandlungstat als eher unschuldiges Opfer dar, doch mehrere Zeugen später verdichten sich die Hinweise, dass dem nicht so war. Schwere Vorwürfe kommen von der 14-jährigen Nebenklägerin und Schwester des Opfers, die auf dem Polizeipräsidium zunächst behauptete, zuhause sei alles in Ordnung, einen Tag später aber revidierte und behauptete: „Ich halte meine Mutter für die treibende Kraft. Sie hat mich am Abend vor der Tat regelrecht gedrängt, bei meiner Tante zu übernachten.“ Widersprüchliche Aussagen gibt es zum Familienstand Lareebs und ihres Freundes. Während die Mutter behauptet, der Vater des Jungen habe eine Heirat untersagt, heißt es nun, die beiden hätten kurz vor der Vermählung gestanden, was die Liebesbeziehung ja legalisiert hätte. Das Oberhaupt der Ahmadiyya-Gemeinde, der Kalif aus London persönlich, hätte zur Heirat geraten, und sein Wort sei Gesetz.

Eigene Tochter erwürgt: Bilder vom Prozess in Darmstadt

Aus dem polizeilich analysierten E-Mail-Verkehr der Familie geht hervor, dass Lareeb zwei digitale Briefe an den Bundesvorsitzenden der Ahmadiyya geschrieben haben soll. Im ersten Schreiben bittet sie ihn um Hilfe: Sie würde von den Eltern bewacht und geschlagen werden. Auch ihr Freund sei übelst beleidigt und vom Vater körperlich gezüchtigt worden. Im zweiten Brief bestreitet sie jedoch alles und sagt, es hätte keine Schläge gegeben. Denn: wenn die Eltern von der ersten Mail erfahren würden, „bringen sie mich wirklich um“. Er solle bitte Kontakt mit dem Vermittler in der Darmstädter Gemeinde aufnehmen, der wüßte alles.

Ein weiteres Thema am Freitag waren die Bilder der Überwachungskamera des zwölfgeschossigen Wohnhauses. Dort ist zu sehen, wie Asadullah am Vortag des Mordes eine Kameralinse abklebt, während seine Frau daneben steht. In der Tatnacht erkennt man kurz um 4 Uhr beide Eltern und den Leichentransport-Rollstuhl mit einer Person, bevor Shazia einen Regenschirm aufspannt und die Sicht verdeckt. Um 6.45 Uhr kehren beide zurück, Asadullah entfernt den Aufkleber im Fahrstuhl. Der Prozess wird diese Woche fortgesetzt, als Zeugen sind dann verschiedene Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde geladen.

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion