Schauspieler trickst mit Doppelkörper das Schicksal aus

Gelähmter Samuel Koch steht auf

Darmstadt - Vor fünf Jahren brach sich Schauspieler Samuel Koch bei „Wetten, dass. . ?“ das Genick. Er sitzt seitdem vom Hals abwärts gelähmt im Rollstuhl. Doch heute kann er über die Bühne des Darmstädter Staatstheaters gehen. Wenn ihm jemand seinen Körper leiht. Von Sarah Neder

Ergreifend: Wenn sich Robert Lang bewegt, dann bewegt sich auch Samuel Koch, obwohl er vom Hals abwärts gelähmt ist.

Die rechte Hand kratzt am Hinterkopf. Fährt mit leicht gekrümmten Fingern durch das feste hellblonde Haar, wandert zum Ohr. Samuel Koch erhebt sich langsam, geht ein paar breitbeinige Schritte nach vorn zum Publikum. Knie beugen, Arme anwinkeln, Fäuste ballen. Bereit, sich auf die Brust zu trommeln. Allein kann der 28-Jährige das nicht mehr. Doch er hat einen Aushilfskörper. Seit dem Unfall bei „Wetten, dass..?“ am 4. Dezember 2010 ist Samuel Koch vom Hals bis zu den Zehen gelähmt. Musste das Sprechen, das Atmen neu lernen, braucht Tag und Nacht Pfleger, die ihn anziehen, füttern, im Schlaf wenden. Vor fünf Jahren will er mit Sprungstiefeln im Salto über entgegenkommende Autos fliegen. Beim vierten Versuch stürzt er, landet auf dem Kopf. Sein Genick bricht gleich mehrmals.

Früher hat Sport Kochs Leben Sinn gegeben. Bis zu jenem Auftritt im ZDF ist er Kunstturner in der Regionalliga, hat pralle Bizepse und kraftvolle Oberschenkel. Vor dem Unfall war eine seiner größten Ängste, nicht mehr turnen zu können: „Die schlimmste Vorstellung war, ich verliere einen Arm oder ein Bein. Dass es vier Mal so schlimm kommt, hätte ich nicht gedacht.“ Durch das jahrelange Stillliegen haben sich heute fast alle Muskeln zurückgebildet. Die Glieder sind schlaff. Fortbewegung klappt nur noch im elektrischen Rollstuhl. Außer sein Freund und Kollege Robert Lang leiht ihm seinen Körper. Lang, 25, ist ein sportlicher, aber schmaler Typ. Definierte Oberarme, drahtige Figur. Er und „Sammy“, wie er seinen Kumpel nennt, haben sich schon vor dem Unfall gekannt. Sich im Schauspielstudium in Hannover getroffen. Lang ist auch bei Kochs Salto-Wette mit im Studio. Will seinen Kommilitonen anfeuern. Und endet betend und bangend im Hotelzimmer.

Ein Jahr vergeht, bis Koch an die Universität zurückkehrt. „Robert fand den Zustand interessant, dass ich als Schauspieler meinen Körper nicht mehr benutzen kann“, erzählt Koch. Um die Lähmung nachzuahmen, wollte sich Lang mit Klebeband an die Wand hängen. Doch stattdessen heftet er seinen reglosen Freund Koch an sich und führt dessen schwache Gliedmaßen mit seiner Muskelkraft. Langs Bewegungen werden zu Kochs. Aufstehen, gehen, Finger krümmen – das alles ist plötzlich wieder möglich.

Darmstädter Staatstheater setzt auf Inklusion

Was damals eine fixe Idee ist, wollen die beiden dem Publikum vorführen. Heute gehört ihre Technik zum Bühnenprogramm des Darmstädter Staatstheaters. Dort setzt man auf Inklusion, will traditionelle Spielweisen durchbrechen. Für das Stück „Ein Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka wurden die beiden Studienfreunde bislang am Torso mit extra stabilem Panzerband zu einem Körper zusammengeschnürt. Doch das Material zerrte stark an Kochs Haut. Er spürte es nicht, aber nach Auftritten plackten rote Striemen offene Stellen unter dem Pulli. Eine schonende Alternative musste her.

Wie auf einem OP-Tisch liegt Robert Lang neben der Bühne. Um ihn herum warten etwa 15 Helfer. Eine Stehlampe ist auf ihn gerichtet. Sie brauchen Licht, damit bei der ersten Anprobe des neuen Anzugs nichts schief geht. Über dem schwarzen Rollkragenpullover trägt Lang ein Korsett aus schwarzem Plastik. Es reicht vom Rücken über die Schultern. Die Brust ist frei. Am Bauch ist das Rückenteil eines zweiten Korsetts befestigt. Die Doppel-Orthese haben Experten des Dieburger Sanitätshauses Klein angefertigt.

Behutsam heben zwei Helfer Samuel Koch aus seinem Rollstuhl und legen ihn mit dem Rücken auf seinen Kollegen. Kochs Arme und Beine zittern, krampfen. Als sich die Spastik beruhigt, stülpen sie das Vorderteil des Korsetts über sein Becken und knöpfen die Schauspieler aneinander. Danach werden Oberschenkel, Waden und Handgelenke mit Sportbandagen verbunden, die Finger einzeln mit hautfarbenen Pflastern aneinander geklebt.

Samuel Koch stellt Biografie "Zwei Leben" vor

Nach etwa 20 Minuten sind beide zu einem Körper verschmolzen. Lang kann nun aufstehen. Steif wuchtet er sich vom Tisch, bringt den Rumpf in gerade Position. Behutsam steigt er auf die beiden Fußpaare. Richtet sich auf. Ein Kraftakt für beide, doch der Doppelkörper steht. Samuel Koch steht. Der Mann, der eben noch reglos Rollstuhl saß, wirkt auf einmal groß, dynamisch. Wenn Lang sein rechtes Bein hebt, dann hebt auch Koch sein rechtes Bein. Eine Symbiose aus zwei Freunden. Der starke Körper trägt den schwachen.

„Für mich ist es jedes Mal ein Adrenalin-Kick“, sagt Lang. „Wenn die Menschen uns sehen und du merkst, was in ihren Augen abgeht.“ Dass „Sammy“ sich an ihn heften lässt, findet er jedoch nicht selbstverständlich: „Ich bewundere ihn dafür, wie er mir vertraut. Er gibt alles ab.“ Koch hingegen genießt diese Momente. Aufrecht stehen, an sich hinunter blicken.

Generalprobe in der schwarzen Plastikrüstung. Der Scheinwerfer leuchtet einen engen Kegel auf die aneinandergebundenen Schauspieler. Beinahe ist nur Koch zu sehen, Lang bleibt im Hintergrund. Wie ein unsichtbarer Strippenzieher betont er Kochs Mimik mit Gesten. Kratzt ihn am Kopf, fährt mit leicht gekrümmten Fingern durch sein festes hellblondes Haar. Erhebt sich langsam, geht ein paar breitbeinige Schritte zum Publikum. Und lässt fast vergessen, dass Samuel Koch das alles nicht mehr allein kann.

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