Dürer im Darmstädter Landesmuseum

Schöpfer neuer Bildwelten

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„Nemesis (Das große Glück)“, um 1501

Darmstadt - Das Hessische Landesmuseum Darmstadt gibt in einer neuen Ausstellung Einblick in seine reichhaltige Sammlung an Grafiken des Künstlers Albrecht Dürer. Von Reinhold Gries

1471 in Nürnberg geboren, begann Albrecht Dürer als namenloser Goldschmied und Maler des Spätmittelalters, 1528 starb er als bedeutendster deutscher Künstler der Renaissance. Sein Ruhm gründete dabei fast mehr auf Holzschnitte und Kupferstiche als auf der Malerei. Das Landesmuseum Darmstadt gibt mit 130 Meisterdrucken nun Einblick in alle Phasen dieser Erfolgsgeschichte. Für beste Qualität steht die Darmstädter Sammlung, die Landgraf Ludwig X. von Hessen 1802/03 bei der Mannheimer Kunsthandlung Artaria erwarb. Sie spannte Dürers Bogen von Holzschnitten der Kleinen und Großen Passion zur malerischen Kupferstich-Passion, dann von in Holz geschnittenen Zyklen wie „Die Apokalypse“ (1498) und „Das Marienleben“(1511) zu bekannten wie raren Einzelblättern mythologischen und sakralen Inhalts.

Ein Kabinett ist allein Dürers Rezeption von Antike und italienischer Renaissance gewidmet. Selbst berühmte Einzelblätter geben bis heute Rätsel auf: der Kupferstich „Melencolia I“ als Gleichnis der Ambivalenz zwischen menschlichem Forscher- und Gestalterdrang und unvollkommener menschlicher Erkenntnis; der Stich „Das Meerwunder“ mit draller Venusvariation vor bärtigem Meermann und Landschaftskulisse mit Festung; der Stich zur Schicksalsgöttin Nemesis, mit dem Birnpokal über der Weltlandschaft schwebend. Dürers Kosmos unterschiedlicher Strichsysteme, Texturen und Lichtabstufungen ist weit von mittelalterlichen Andachtsbildern entfernt. Die neue Kunst deutet sich bereits im druckgrafischen Frühwerk bei Hieronymus-Holzschnitten oder dem „Männerbad“ an.

„Das große Pferd“, um 1505 © HLMD/Fotos: Fuhrmannek

Seine erste Italienreise hinterließ Wirkung bis in Allegorien und Proportionenlehre. Danach, in der ersten eigenen Werkstatt, konzentrierte sich der Neuerer auf Druckgrafik in naturalistischem Stil und erhob die erst seit 1420/30 ausgeübten Techniken von Holzschnitt und Kupferstich zur eigenständig neuen Kunst Ideen des Humanismus und erotische Darstellungen fanden Eingang in verschlüsselte Bildwelten wie „Vier nackte Frauen“, „Maria mit der Meerkatze“ oder „Das Liebespaar und der Tod“. Am Meisterstich „Adam und Eva“ (1504) wird die Intention sichtbar, menschliche Körper in objektiver Schönheit zu fassen. Die Darstellung nackter Körper brachte Kritik. Dürer ließ sich davon nicht beeindrucken. In der Apokalypse-Folge, im Landesmuseum vollständig in 15 Blättern vorhanden, verlieh er dem Ringen zwischen Gut und Böse expressive bis surreale Bildformen.

Seine religiösen Zyklen erregten Aufsehen. Zumal nach der zweiten Italienreise feine Schraffuren gleichmäßig graue Flächen erzeugten und eine neue „Hell-Dunkel“-Methode entstand. Ab 1513/14 widmete er sich dem Kupferstich. In Kaltnadeltechnik radierte er in Eisenplatten wie bei „Die Entführung auf dem Einhorn“, um malerische Dichte zu verstärken, die ihn auch bei „Ritter, Tod und Teufel“ berühmt machte.

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